Wer von euch, geneigte Leser, kennt Klaus Denart? Mit 15 trampte er nach Schottland. Mit 21 reiste er per Anhalter durch den Nahen Osten. Mit 35 begleitet er Rüdiger Nehberg durch die Danakilwüste in Äthiopien. Mit 37 gründete er in Hamburg "Globetrotter Ausrüstung". In deren Filiale in Dresden kaufen wir übrigens ab und zu eine Jacke oder eine Geldbörse, für den urbanen Dschungel da draußen, wo die Renten nicht sicher sind. Jetzt ist Klaus Denart 65 und sagt: "Kraniche in Mecklenburg-Vorpommern zu beobachten ist auch aufregend." Gemäß dieser Devise führte die obligatorische Radtour, die mein Freund Frank und ich Anfang August immer unternehmen, (diesmal) nicht durch die Sahelzone oder das Mündungsgebiet des Amazonas, sondern in die schöne Niederlausitz. Dort war es entsprechend der Wettervorhersage heute nicht nur sonnig und trocken - im Gegensatz zum Freistaatenrest -, sondern es ist das Land, in dem die Ortseingangsschilder besonders groß sind, die Straßen der Heidedörfer noch "Ernst-Thälmann-Straße"* oder "Dorfstraße" heißen, die Plätze neben der Kirche als "Platz der MTS"** augeschildert blieben und in dem man noch freundliche Fleischfachverkäuferinnen oder frei lebende Störche ansprechen bzw. beobachten kann. Und es gibt auch Wölfe dort, die in den endlosen Kiefer- und Föhrenwälder*** herumrudeln. Das im Juli 2007 (eigentlich!) eröffnete "Wolfsinformationszentrum" in Rietschen war dabei unser Ziel. Auf dem so genannte "Wolfsweg" beabsichtigten wir, dieses zu erreichen. Um es vorwegzunehmen, in Rietschen blieb am frühen Nachmittag sogar die Kneipe geschlossen, ein "Infozentrum" kannte keiner und so machten wir - dem bekannte Spruch gemäß - kurzerhand den mit einer Jack Wolfskin-Tatze gekennzeichneten Radweg zum Ziel.

Unser Ausgangs- und Endpunkt war dabei das Örtchen Klitten. Franks sexistischen Kalauer gebe ich hier nicht wieder, da dieser im wahrsten Sinne des Wortes unter der Gürtellinie eines Rocks angesiedelt gewesen ist. Nur soviel: Es hatte irgendetwas mit einer Doris zu tun, die hier vielleicht wohnen könnte. Ich distanziere mich!

Von dort aus ging es über staubige Wege, vorbei an endlosen Maisfeldern. Wir fuhren durch Heidedörfchen, die in der Mittagssonne dösten. Voran, voran. Unsere Schatten neben uns. Immer voran.

Wir sahen die steinernen Zeugen der kriegerischen Geschichte dieses Landstrichchens. Denkmäler für die Helden des großen Krieges Nummer eins und die Helden des Weltkrieges Nummer zwei.
Und Denkmäler für die heldenhaften Gegner der Helden von Nummer zwei.

Wir rasteten an verfallenen Katen.
Und blickten auf verlassene Bahnhöfe. Solche, wo nicht einmal mehr ein "Polizeiruf" spielt.
Rechts niemand.
Und links gleich gar niemand. (Frank: "In Mücka ist immer NPD-Disko.")
Wir sahen Rehe und andere Vierbeiner.
Staunten über die künstlerischen Installationen und pfiffigen Werbeideen seltsamer Einheimischer.
Lauschten dem leisen Lied der Lurchen.
Und - wurden zu Rietschen am "Gasthof zum Arschleder"**** gnadenlos abgewiesen. Ruhezeit von 14 bis 17 Uhr! Die Betreiber vom "Deutschen Haus" in Kreba waren dagegen wenigstens konsequent gewesen.

Der Rietschener Wirt konnte uns Ritter der Landstraße aber kreuzweise. Wir beschlossen ein Picknick im Grünen. Brot, Wurst, Käse und Wein machte der örtliche Discounter möglich, "Schlecker" führte Korkenzieher und Plastebecher.


Und so genossen wir auf französisch muntere Weise das Schlemmerwerk, auch wenn in der Ferne der Donner grollte. Diesbezüglich blieb es bei leeren Drohungen, trotzden beschleunigten die sich auftürmenden Wolken unsere langsam müde werdenden Beinchen. So strampelten wir auf alten LPG-Straßen wieder zurück nach Klitten. Ein schönes Ferienerlebnis.
Anhang:
* Ernst Thälmann, KPD-Vorsitzender und Reichstagsabgeorneter, als "Teddy" den DDR-Kindern wohlbekannt; wurde von den faschistischen Schergen ins Gefängnis geworfen
** MTS, Maschinen- und Traktorenstation, dort konnten sich die Bauern in Deutschlands Osten landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge ausleihen, bevor sie in die LPG´s durften und mussten
*** Föhre, nichts anderes als Kiefer (Nadelbaum), die hier vorkommende Dopplung ist also stilistisch nicht einwandfrei, aber der Frank wusste nicht, was ´ne Föhre ist
**** Arschleder, m. E. bergmännische Bezeichnung für den mit Leder verstärkten Hosenboden; war nötig, weil die Berleute sich auch kriechend oder rutschend in den schmalen Gängen fortbewegten; warum die Tagebaukumpel der Lausitz diesen Wortschatz in Anspruch nehmen, ist mir als Sohn eines Untertage-Bergmanns aus Zwickau aber bis heute unbegreiflich
4 Kommentare:
Die Doris lassen wir mal lieber, wo sie ist; hier aber noch ein Link, um eine mir zugeschriebene Äußerung zu verifizeren :
http://www.mdr.de/fakt/aktuell/1821002-hintergrund-1895271.html
Sonst habe ich dem Text nichts Nenneswertes hinzuzufügen, andernfalls könnte ich ja gleich einen eigenen Blog schreiben. Keine Angst, liebe Kaseinblogkommmentar-Leser, dies ist angesichts eines straffen Terminplans (z.B. Keller aufräumen) vorerst nicht geplant. Schöner Politikersatz, könnte ich quasi morgen einen Blog aufmachen. Doch was soll da drin stehen? Etwa, dass Kai ein heftiges Donnergrollen ignoriert (ist hier nicht auch ein Truppenübungsplatz?), während ich dabei in leichte Panik verfalle, was sich aber ändert, als nach dem Verlassen des Waldes der sich verdunkelnde Himmel zeigt, was Kai dann wiederum respekteinflößend findet, mich aber wegen ausbleibenden Donnergeräuschen weniger tangiert?
Also schreibe ich lieber etwas ganz anderes hier rein : Kai, die Fotos lassen sich nicht vergrößern (wurde auch schon von Andreas festgestellt).
Habe jetzt die Fotos größer gemacht.
Anschließend an Eure Tour durch die ostdeutsche Transformationslandschaft ein Filmtip: "Neuland". Es ist nicht rauszukriegen, wo der Film in unserer Nähe läuft. Wir behalten das im Auge und gehen hin, wenn der Frank nicht seinen Keller aufräumt:
"Ein Bürgermeister ruft nach Kolonisten. Zwei Studenten bauen ihre berufliche Existenz mit Schnecken auf. Ein Planer löscht seine Stadt aus. Ein Heimkehrer züchtet Bisons im Tagebau. Ein Arbeitsloser mobilisiert „Überflüssige". Ein Rechtsanwalt experimentiert mit Geld. Ein Sozialwissenschaftler spricht von ländlichen Ghettos, Jugendliche über ihre Zukunft in einer sterbenden Stadt. Ein Pionier will im toten Kraftwerk eine lebendige Brauerei. Eine Frau schließt das letzte Kino der Stadt. Ein Bauer kämpft für ein energetisch autarkes Dorf. Eine Kommune zieht in eine ehemalige Puppen-Fabrik. Kulturschaffende wehren sich gegen Nazis. Ein Politiker sieht in regenerativen Energien die Zukunftschance. Neue Siedler besetzen ländlichen Raum. Sie alle leben in...
Neuland
Werden wir verschiedene Gesellschaften in unterschiedlichen Räumen haben? Im September 2004 sorgte die Infragestellung der „Notwendigkeit gleichwertiger Lebensverhältnisse in allen Regionen Deutschlands" durch den Bundespräsidenten Horst Köhler für einen kurzen Aufruhr in den Medien des Landes. Nachhaltig aber sind die Probleme, mit denen sich heute zahlreiche Regionen konfrontiert sehen. De- oder Hyperindustrialisierung sind verantwortlich für eine hohe flächendeckende Arbeitslosigkeit. Die Kommunen sind aussichtslos verschuldet. Zunehmend können Infrastrukturleistungen nicht mehr aufrecht erhalten werden. Den disparaten Regionen laufen die Menschen davon. Wenn aber „Gleichwertigkeit“ nicht mehr garantiert wird, könnte dann aus dem „Schattenreich der Globalisierung“ nicht auch ein „Neuland“ für Experimente, Lebens- und Arbeitsweisen jenseits bzw. parallel der aktuellen Vergesellschaftung entstehen?
Neuland ist ein Reisebericht durch die ostdeutsche Transformationslandschaft. Die Verdichtung von Realitätsfragmenten unterschiedlicher Akteure, von Pionieren und ihren Projekten regt an, Neuland zu denken."
(Daniel Kunle & Holger Lauinger, D 2007, 74 min, DV / Beta, 16:9 pal, Farbe, Stereo)
Na kein Wunder, daß ich das in den einschlägigen Kinos nicht finde. Guckt Euch mal die Terminliste an.
http://www.neuland-denken.de/?q=node/45
Wurzen! Borna! Frankfurt an der Oder! Jungs, sucht Euch einen depremierenden Ort aus und los gehts.
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