Harry Haller, Künstler, potenzieller Selbstmörder, Sich-im-Leben-nicht-Zurechtfinder, Wandler zwischen zwei Zeiten, Sucher und Finder. Gestern war ich im Theater in Dresden - "Der Steppenwolf". Doch vorher habe ich mich aufgetankt. Am freien Tag durch Dresden schlendern. Ein bisschen Sonne, nur gucken, meine Musik auf den Ohren (kann man in der Großstadt auch mit fast 40) und nichts kaufen müssen. Menschentheater genießen vor dem offiziellen Schauspiel am Abend.
Erster Akt
Saturn-Markt. Abteilung für Unterhaltungselektronik. Ringsumher: Touchscreen, Flatscreen, HDDV und HDTV, Plasma oder LCD?
Eine Gruppe von Menschen, indischer Kulturkreis, gut gekleidet. Sie betrachten eine preisintensive Kamera. Der Mann, wahrscheinlich der Familienvater, spricht freundlich, nicht ohne Kaufinteresse und ein wenig flehend einen jungen, flexiblen Mitarbeiter des Unternehmens an: "Excuse me. Can you help me?" Dieser antwortet in der richtigen Sprache polyglott, wie es dem Anspruch an einen Elektronikriesen gebührt, und mit Nachdruck: "No!!" Er überlässt die Kunden ihrem Schicksal. Na, wenn das nicht wahre Tragik ist.
Zweiter Akt
Gleicher Markt, eine Etage höher, CD-Abteilung.
Stöbernde Kunden allumher. Plötzlich lautes (!) Rufen. Eine Frau, zwischen 20 und 40 Jahren: "Hier is Eeeijsi-Diesseei (AC/DC, d.V.)!" Ein Mann selben Alters und als der ihrige sofort zu erkennen, schreit aus einer Entfernung von vier Regalreihen irgendetwas Unverständliches. Sie, mittlerweile arg energisch bläkend: "Was willsdn voar eeine? Die hoamm hior goanz viele!"
Ich denke "Highway To Hell" und verlasse die groteske Szene.
Dritter Akt
Kaufhaus "Karstadt", Rolltreppe.
Vor mir ein Punkerpärchen Hand in Hand. Er in rot-schwarz gestreiften Hosen, die dürr machen. Sie im Mini und zerrissenen Netzstrumpfhosen. Für das ihren propperen Körper kaum unterstützende Outfit erntet sie wohlwollendes Lächeln meinerseits. Ein Paar kommt uns entgegen. Beide Mitte 40. Entgegengesetzt schauend. Schweigend. Dann - sie blickt die jungen Leute an. Touchiert das Mädchen mit den Augen. Nach dem Passieren tuschelt er gemein: "Was hier so rumläuft?!" Nachtrag: Er, mit Oberlippenbart, trägt eine Lederjacke aus schwarzem Imitat mit lustigen Silberschnallen. So eine, die auch ich mir gewünscht hätte. Mitte der 80er Jahre, als ich noch Moped fuhr. Absurdes Theater.
Vierter Akt
Vor der "Dreikönigskirche".
Ohne Worte. E i n e Frau mit Schärpe ("Mahnwache"). Ihr Schild lehnt umgekehrt und mit der Schrift nach hinten an der Mauer. D r e i Polizisten stehen schweigend um sie. Ein Lehrstück für De-Eskalation! Zwei unbesetzte Einsatzwagen blinken blau. Ich gehe vorbei und fühle mich ganz sicher. Sicherer als eine halbe Stunde später in der Neustadt, wo eine große Gruppe Jugendlicher auf offener Straße ein Lagerfeuer entzündet hat. Dort keine Präsenz der Beamten.
Fünfter Akt
Gegen 18 Uhr stehe ich ganz allein auf der Brühlschen Terrasse. Keine Touristen, die auf die Lichter schauen. Ich fühle mich ein bisschen wie an der Seine. Doch keine Katastrophe im aristotelischen Sinne des Dramas.
Übrigens: Das Stück auf der Bühne war auch sehr sehenswert.
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