Montags habe ich keinen Unterricht. Die Formulierung "habe ich frei" vermeide ich. Erstens wäre das unfair den KollegInnen gegenüber, die schon zum Wochenanfang an der pädagogischen Front ihre Schlachten schlagen. Und zweitens stimmt es nicht, denn liegen außerunterrichtliche Maßnahmen an, wie nächste Woche, muss ich dabei sein. Heute jedoch nicht. Heute ging ich zu früher Stunde zum Bäcker, um den Tag mit frischem Backwerk zu beginnen. Mit geschultem Blick erkannte ich GymnasiastInnen am kleinen Fenstertisch, die ihren Lernalltag mit Cappuccini begannen. Nun liegt der Vorteil, jeden Tag 60 Kilometer fahren zu müssen, darin, in der eigenen Stadt nicht als Pädagoge enttarnt zu werden. (Wenn man davon absieht, dass wohl keine andere Berufsgruppe am Montagmorgen Semmeln holen kann und man schon damit in Verdacht gerät.) Die vier Primaner beugten sich über Kopien und besprachen Inhalte ihres Deutsch-Kurses. Es gibt eine sehr schöne Erzählung von Anna Seghers, ich glaube "Reisebekanntschaften", in der E.T.A. Hoffmann, Franz Kafka und Gogol in einem Café zusammentreffen. In dieser fiktiven Geschichte sagen sich die drei, was sie voneinander halten. Ich bin sicher, dass die Weltliteraten hier im Realen, am Tisch im Bäckerladen, eine Identitätskrise bekommen hätten, welche die ihres wahre Lebens glatt in den Schatten gestellt hätte. "Oah! Da wachsde frieh auof un bisd ä Gääfer. Muouss de nisch ouf oarbeid..." "Der lange Dexd waor deor `Goahlhass` (Kleists "Michael Kohlhaas" d.V.)." Ich bin nicht im Dienst, sagte gestern Kommisar Ehrlicher. Das galt auch für mich.
Schule aus anderer Perspektive erlebte ich auch gestern Nachmittag. Meine Tochter lernte für den Bio-Test sechzehn Seiten Hefterpapier!! Ich fragte ab. Es tat wohl. Während es draußen novemberte, kehrte der Frühling in ihr Zimmer ein. Korbblütler, Kreuzblütler, Lippenblütler. Schoten mit Trennwand, nicht zu verwechseln mit Hülsen ohne Trennwand. Windbestäubung, Fremdbestäubung. Ich habe eine Menge gelernt. Und meinen eigenen lernsychologisch deteminierten Senf dazu geben wollen. Die Unterscheidung weiblicher und männlicher Blütenteile sei doch ganz einfach, wenn man sich "Eselsbrücken" schaffe. So präge sich der Begriff Staubbeutel als männliches Teil doch ganz gut ein. Sie quittierte das mit einem enegischen: "O. P.!" Das bedeutet "Oberpeinlich!" und findet sonst nur Anwendung, wenn ich in der Öffentlichkeit halblaut singe, sie auf Pickel anspreche oder sie vor ihren Mitschülerinnen zu drücken versuche. Sie wusste fast alles, was im Hefter stand.
"Wie sieht eigentlich Steinkraut aus?", fragte ich. "Weiß nicht", sagte sie.
3 Kommentare:
Und fürs Bio-Abi lernt man/frau dann ungefähr 300 Seiten... auch ohne hinterher zu wissen wie Steinkraut aussieht.
Lieber Kai außerdem warst du doch der jenige, welcher in unserer geliebten Klasse 10/4 den Ausspruch: "Mut zur Lücke" erst in die Runde schmiss.....
Steinkraut guckst du hier : http://www.horst-luenser.de/gartenpflanzen/steinkraut.html
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