Ein Dauerbrenner des Smaltalks ist ein Gespräch über das Wetter! Wenn man wenig zu sagen hat, spricht man eben darüber. Und seitdem die Klimaveränderung ins kollektive Bewusstsein gerückt ist, kann man sich beim Konversation-Machen sogar mit dem Schein politischer Interessiertheit schmücken.
Momentan erlebe ich nicht viel. Also schreibe ich über das Wetter. Das ist auch weniger eklig, als die geneigte Leserschaft über den Verlauf meiner Hustbeschwerden und die damit verbundenen Konsistenzveränderungen auf dem Laufenden zu halten.
Wenn ich von bestimmten Zeiten lese oder höre, verbinden sich bei mir damit bestimmte Vorstellungen von Jahreszeiten oder Wetterlagen. Das Mittelalter findet in meinem Kopf immer im November statt. Es ist kalt und nebelfeucht und auf den schwarzen Feldern liegen Schneefetzen. Goethe lebte für mich im ständigen Frühsommer. Morgensonne in Weimar, Lotte im Kleid auf der Wiese vor dem Haus. Und Paris zur Jahrhundertwende ist für mich nur im September denkbar. Wenn Rilke nachmittags durch den Jardin de Luxembourg spaziert, steht die Sonne schon tief und das Laub leuchtet gelb und schwer. Wie mag so etwas entstehen? Ist es unsere Fantasie oder werden wir anders geprägt? Goethes Gartenhaus in Weimar? Stimmt. Rilkes "Herr. Der Sommer war sehr groß"? Natürlich! Umberto Ecos Bruder William reitet auf dem Gebirgssteig zur alten Abtei? Aber ja.
Die natürliche Wirklichkeit hält sich nicht an solche Phänomene. Vor meinem Fenster knospen derzeit die Büsche grün. Die Vögel klingen wie an einem Aprilmorgen. Und letztes Jahr schnitt uns noch der Frost in die Wangen, als wir deinen Geburtstag feierten, Liebste. Auf der Insel im Meer tranken wir den Tee aus unseren isolierten Flaschen.
1 Kommentar:
... auf einer Insel in der Steppe haben wir gestern Wodka getrunken.
Wo man alles hinkommt im Laufe eines Jahres... Wenigstens, mein Schatz, muß ich mich angesichts des Frühlings nicht schämen, daß ich den Osterspaziergang nicht auswendig kann. Ich stelle mir aber vor, wie Du ihn mir aufsagst.
Und wer guckt dann mit Dir am Karfreitag "Ben Hur"?
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