Samstag, 22. März 2008

Zwischen Traum und Nützlichkeit und all dem Nordischen

Zum runden Geburtstag gab es von den lieben Freunden ein vollkommen rundes Geschenk. Nicht wirklich rund, sondern metaphorisch gesehen. Ein Traum kann in Erfüllung gehen- im "Globbetrotter" von Dresden zu stehen und sich das kaufen zu können, was man will. Und Mann will viel.
Ich schaue umher. Ich muss eine Entscheidung treffen. Soll es etwas Nützliches sein? Das hieße den Gutschein zum bloßen Kaufcoupon zu degradieren. Soll es etwas sein, dass Mann sich kaum oder nie oder niemals selbst gekauft hätte? Da droht es ihm, die Maße zu verlieren. Also heißt es, alles gut durchdenken.
Ich gehe durch den ersten Verkaufraum. Es fällt mein Blick auf das Arsenal von Äxten. Aus schwedischem Eisen von Hand geschmiedet. Erst kürzlich hatte ich auf N24 eine Dokumentation über die Manufaktur im hohen Norden gesehen. Für mich und genau 12 Sekunden lang steht fest - ein Mann braucht so eine Axt. Es gibt immer mal Extremsituationen. Die hält ein Leben lang. Und es muss ja nicht die Wurfaxt mit Doppelklinge sein. Andererseits: Diese Dinger kosten ein halbes Vermögen und sind nur viertel so handlich wie ein Schweizer Taschenmesser. Und auch das darf auf den Flughäfen der Welt nicht mit ins Handgepäck. Die Vernuft siegt über das Jägerbeil.
Im ersten Stock gibt es Trekkingschuhe. Die alten könnten nach vier Sommern in den Ruhestand. Die Auswahl ist extrem. Ich schaue. Ein Verkäufer kommt. Es gibt bei "Globbetrotter" genau zwei Sorten davon. Er gehört zu den Du-Sagern. "Die kannst du bei allen Wettern tragen. Yak-Leder", entgegnete mir der junge Mensch ins fragende Gesicht. Bei solch verbalem Schulterklopfen fühlt Mann sich gleich als Bergsportfreund akzeptiert. Auch wenn ich den K2 noch nie ohne Sauerstoffmaske bestiegen habe. Und auch nicht mit. "Der Schuh erscheint mir vorn sehr dünn. Hält er da denn etwas aus?", frage ich. Der Verkäufer guckt, als müsse er einem Inuit die Vorteile eines Tropenhelms erläutern und empfiehlt mir das passende Schuhwachs zu 8, 50 Euro. Ich kaufe beides nicht.
Im hinteren Teil befindet sich die Bekleidungsabteilung, "III. Schicht" im Globbetrotter-Jargon. Eine Jacke gefällt mir ausgesprochen gut. Sie ist eigentlich ein Amundsen Anorak und bietet wenig Stoff für unverschämt viel Geld. Sie passt. Das Label nennt sich "Norröna", so mit durchgetrichenem o geschrieben. Am Ärmel ist ein Wikingersymbol eingestickt. Ich bin nicht sicher: Einerseits bin ich mit Wicki, Snörre und wie sie alle heißen, aufgewachsen. Andererseits möchte ich durch das Tragen "nordischer Mode" nicht einer Bewegung zugeordnet werden, für die ich doch lieber das Doppelbeil erworben hätte. Also erstmal die entsprechenden Seiten des Verfassungsschutzes studieren.
Ich gehe zu den Schlafsäcken. Entscheide mich kurz und schmerzlos und löse einen Gutschein ein. Mittlerweile ist mein Freund Frank erschienen. Der will auch einen Schlafsack. Und ein dünnes Sitzkissen. Wir bitten das Verkaufspersonal um fachmännische Beratung. Der Mann gehört zur zweiten Sorte von Verkäufern. Das sind jene, die ihre vermeintlich physische Überlegenheit noch durch eine besondere Art psychologisierender Gesprächsführung herauszustellen versuchen. Sie erläutern die Funktionsweise diverser Outdoor-Artikel auf einem so offensichtlich heruntergefahrenen Level, dass sich der Großstadt-Mann angesichts dieses verkappten Dominanzverhaltens nur angewidert abwenden sollte. Vielleicht sehen Frank und ich nicht aus wie Rüdiger Nehberg. Aber hallo, letzten Sommer haben die Liebste und ich unsere Fahrräder mindestens zwei Stunden durch den Starkregen auf Zingst geschoben! Wir kaufen kein Kissen. Ich zeige Frank die Jacke. Er macht sich lustig über meine Bedenken. Er hat recht. Diese Marken-zeigen-Meinungen-Phobie führt mittelfristig zu Paranoia. Schließlich war ich beim Schlafsack-Kauf überhaupt nicht zimperlich. Meiner stammt von Nordisc und heißt mit Nachnamen "Hjalmar". Zur Wahl stand außerdem ein "Baldur". Der Hersteller werden wohl kaum dem Wirtschaftsminister Nazideutschlands oder dem Reichsjugendführer ein Denkmal gesetzt haben wollen.
Aber trotzdem. Da sind mir "Ekeskog" und "Bonde" von IKEA doch lieber.

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