In dieser Woche hatte ich seit langem wieder einmal Vertretung in einer fünften Klasse. "Niiiiieeeedlich!!" mag er eine oder andere jetzt vielleicht denken. Doch die Zeiten, wo schüchterne kleine Menschen mit viel zu großen Ranzen durchs Schulhaus schleichen, gehören der Vergangenheit an. Zu meiner Zeit an der EOS sind selbst wir frischen Neuntklässler den "Männern" aus der Zwölften aus dem Weg gegangen, wenn diese mit Dreitagebart und vollem Milchkasten in der abgespreizten Linken über den Gang schlurften. Heutzutage springt der Oberprimaner zur eigenen Sicherheit ins nächste Zimmer, wenn die Kleinen zum Essen stürmen.
So schlimm war´s denn dann doch nicht. Nur ungewohnt. Als ich vorn meine Tasche auspackte, stellte sich einer der Kleinen ganz dicht neben mich, sagte seinen Namen, blickte mir in den Ranzen, schaute mich an und flüsterte mir zu, dass er heute Geburtstag habe. Sein Geschenk hatte ich natürlich nicht dabei. Ich kannte ihn ja nicht einmal! Pädagogisch versagt! Doch gratuliert habe ich wenigstens. Übrigens war das noch kein Grund für ihn, mir von der Seite zu weichen. Das Gongen (bei uns gongt´s nämlich, wenn es zur Stunde klingelt) befreite mich. Heute gibt es "Harry Potter". Natürlich nicht d i e Überraschung, weil alle zumindest die Filme kennen.
Wir schreiben einen Brief an den Zaubermeister mit der Blitznarbe auf der Stirn. Das klappt ganz gut. Wider Erwarten funktioniert das Ausschneiden und Falten entlang der vorgedruckten Falzlinie dann nicht so perfekt. "Bei mir geht das nicht!" Ich helfe nach. "Muss das so aussehen?" Versuche geduldig zu sein. Fahre den Kippler in der letzten Reihe zischend an. Der spielt mit offener Schere und ich sehe ihn schon rückwärts fallen und sich das Ding so in die Stirn rammen, dass selbst Lord Valdemort auf diese Narbe stolz gewesen wäre. Wir basteln weiter. Ich mache vor. Sie machen nach. Am Ende hat jeder seinen Brief in den Hefter geklebt und die Stunde ist aus. Ob alle Unterlagen sich zum nächsten Deutschunterricht öffnen lassen, bezweifle ich zwar. Denn auch die Feinmotorik im Gebrauch der großen Leimstifte war nicht bei allen ausgereift. Doch das überlasse ich den lieben Kollegen.
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