Sonntag, 12. April 2009

Goethe zu Ostern

Es ist ja eine weit verbreitete Fehlinterpretation des "Osterspaziergangs", dass der alte Faust laut "Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" deklarierend zu neuem Lebensmut findet und sich alle Probleme in blauer Luft auflösen. Nein, er guckt nur von weitem zu und wenn er auf das tanzende Bauernvölkchen trifft, wird alles nur viel schlimmer.
So ähnlich kann es einem gehen, wenn man am Ostersonntag zum Cospudener See rausfährt. Nun, der Asphalt ist neu und breit, doch der geballten Masse von Radsportfreunden aus nah und fern ist auch das konzipierteste Rund um den See nicht gewachsen. Und so herrscht höllische Unfallgefahr im Aneinander-Vorbei und im Links- und Rechts-Überholen der radelnden Eltern-Kinder-Hund-Gruppen, der Rennfahrer im Giro-d´Italia-Look, den gemächlich trampelnden Räder-im-Doppelpack-Pärchen und den Hip-Hop-Kids auf ihren lächerlichen Tiefsattelgefährten. Das große Ziel aller ist das Hafenviertel um die Kneipe Pier 1. Wir nehmen dort unsere Zwischenmahlzeit ein. Erlebnisgastronomie der besonderen Art. Im Freiluftrestaurant kann nicht nur der zu-gewohnte Westdeutsche erleben, wie der Dienstleistungssektor vor 20 Jahren funktionierte. Zwei lange Schlangen harren, klar durch ein Reglement getrennt, rechts bei Getränke, Kaffee, Kuchen und links bei Fisch, warme Speisen. Eine junge Frau vor uns wird vom Geschäftsführer höchstselbst unfeiertäglich abgefertigt, als sie zu Schnitzel mit Pommes eine Cola bestellt. "Gibt´s da driem. Wo gommen wir denn hin, wenn isch jedzd och noch ne Gola mache." Wir stimmen dem Budeninhaber natürlich zu, denn wir warten schon eine Viertelstunde und der Wunsch zum Essen etwas zu trinken, erscheint doch zu vermessen. Die Liebste - eine demütige Haltung zum Verkaufspersonal zu entwickeln, hat sie in Astana gelernt, während meine Generation in der DDR sozialisiert wurde - versucht, sich auf eine klare und zeiteffiziente Bestellung einzurichten und diese vorzuformulieren: "Bismarckbrötchen und Bockwurst bitte!" Dass es noch schneller geht, wird uns durch ein kurzes "Ein Bismarck und ne Bocke!" verdeutlicht, das er nach hinten brüllt. Die Semmeln sind aber frisch und die Sonne duldet keinen Gram. Und dann liegen wir am Wasser, ... fast allein. Wenn es nicht jene Menschen gäbe, denen das Recht auf Eigen-Sphäre Schnuppe ist. Muss der große Köter unbedingt zwei Meter neben uns ins Wasser fetzen, um ein Stöckchen zu holen, wenn das gesamte Westufer frei ist? Müssen die Spaziergänger so nahe an unseren auf der Wiese geparkten Rädern vorbeigehen, dass ich über nicht vorhandene Klauseln meiner privaten Haftpflicht nachzudenken beginne: Deckung im Falle eines Personenschadens durch Sturz über das stehende Fahrrad des Versicherungsnehmers.
Wir schauen uns an. Wir bestätigen uns gegenseitig. Und das ist in Ordnung.
Oder vielleicht werden wir langsam mürrische Zyniker.

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