Donnerstag, 2. Juli 2009

Sinfonie der Großstadt

Erster Satz.
Schnell.
Ankommen im Prenzelberg. Vor dem Coffee Balzac schlürfen Prenzelberger ihren Milchkaffee, stöbern im Mac-Book. Daneben sortiert ein Penner seine Habseligkeiten. Kietzklischee. Unser Zimmer liegt Paterre im ersten Hinterhof. Es fehlt: ein Leierkastenmann.
Als erstes ins Alexa. Das ist Bestandteil des Kompromiss-Programms, das ich mit meiner Lieblings-Teenagerin verhandelt habe. Die Sonne drückt schwer und das wird so bleiben. Wir fahren zum Eis nach Schöneberg. Exotisches in der Belziger Straße. Wir zeigen auf die Bilder, die Hübsche aus Peru oder dem Wedding spricht die Sorten aus. Es schmeckt herrlich.
An der Friedrichstraße dann zu Dussmann. Später Michel-Jackson-Erinnerungs-Segment unter der Weltzeituhr (Wer hätte das 1986 gedacht?) und Fernsehturm. Es sind viel Schulklassen unterwegs und es tut gut, nur zu beobachten. Die Taschen werden vor der Auffahrt zur Plattform kontrolliert. Es dürfen keine Flüssigkeiten noch oben genommen werden. Wahrscheinlich haben die Betreiber die TV-Katastrophen-Produktion gesehen, in der Benno Fürmann (oder so) doch noch alle aus großer Höhe rettet. Oder der Visitor soll das teure Wasser aus Colani-Flaschen im Tele-Restaurant kaufen. Bei den netten Mädchen aus Schwaben wird eine große Pulle Alkopop hochgezogen So findet das Begleiter-Duo wertvolle pädagogische Unterstützung bei der Security.

Zweiter Satz.
Noch schneller.
Nach dem Frühstück Madame Tussauds. Im Vorraum die Jackson-Kondolenz-Ecke. Der King of Pop lächelt wächsern, während er sich in den Schritt zwickt. Im Gegensatz zu London darf man die Puppen berühren, sich mit allerlei Requisiten fotografieren und posen, was das Zeug hält. Außer mit dem Führer. Der hockt Bruno-Ganz-mäßig hinter einem verglasten Endsiegbunker und wird von einem Ventilator frisch gehalten. Die Besucher werden auf deutsch, englisch und mit Hilfe von Piktogrammen darauf hingewiesen, nicht zu fotografieren, nicht zu filmen, nicht zu gestikulieren. "... in Hinblick auf die Millionen von Opfern ...". Zwei ältere Deutsch sprechende Touristinnen machen ihr Erinnerungsbild trotzdem. Wieder die Schulklassen aus fern und nah. "Wer is´n dat denn?" "Das ist Karl Marx. Der hat den Kommunismus erfunden!"


Dann gehts ins Jrüne. Auf der Linie 218 fahren wir im historischen Reisebus an den Wannsee. Eine Oma motiviert ihren gelangweilten Enkel die ganze Zeit. und nervt nicht nur ihn: "Schau mal, jetzt fahren wir eine ganz enge Straße. Die ist aber eng! Wollen wir dann ein Eis essen?" Bis zur Endstation Pfaueninsel. Wir kehren ein, wo der Berliner früher seinen Sonntag verbrachte und bestellen Käsekuchen. Drei alte Damen löffeln am Nebentisch Sahne. Die eine erinnert sich an einen bestimmten "Jedermann" in Salzburg. Die andere kennt noch Brigitte Mira von einer bestimmten Aufführung im Theater des Westens.

Dritter Satz.
Deutlich langsamer.
Wir schlafen aus. Die Sonne drückt trotzdem. Im Filmmuseum wird viel wert auf Marlene Dietrich gelegt. Mein Lieblingsschauobjekt ist aber eine historische Fernseh-Aufnahme von 1936. Eine lächelndes Blondinchen verkündet den Sendeschluss, wippt schwungvoll den deutschen Gruß und schnarrt im UfA-Ton " ... und jetzt kommt Marrrrschmusik!".
Im Ampelmännchen-Liegstuhl an der Spree bestellen wir zwei "Eisschokis", oder anders gesagt, die teuerste Kabamilch, die ich jemals getrunken habe. Im Nachmittagsverkehr drängeln wir in die U-Bahn. An keinem Ort der Welt kommen sich schwitzende Menschen näher als in der U2 gegen halb vier anfang Juli. Ich denke darüber nach, dass es angesichts dieser Situation nicht verwundert, dass bei den halbjährig auftretenden Meldungen über viruelle (gibt es dieses Wort?) Gefahren besonders die Metropolen in Panik verfallen.
Am Abend hören wir Miss Li in der Kulturbrauerei. Meine jugendliche Begleiterin hat sich aufgechict und an der Theke sitzend bilden wir beide die demografischen Ecksäulen der Veranstaltung.


Vierter Satz.
Ganz, ganz langsam.
Langes Schlafen. Wir treten in die Sonne. Schwitzen beim BVG. Nochmal belgisches Eis, handgemacht. Träge laufen wir zum Zelt der Fashion Week. Mein Teenager läßt keine Fotos von sich zu. Ich bin sauer. Die Großstadt setzt uns zu. Enie von den Maiglöckchens "schießen" wir trotzdem ab.


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