Samstag, 25. Juli 2009

Von Zweitaschlern und Fünftaschlern


Drei Tage und zweihundertfünfzig Kilometer entlang der Oder-Neiße-Friedensgrenze. Das sind unbezahlbare Erkenntnisse.
1. Lasse dich nie von der Sieben-Tage-Vorschau auf www.wetter.com einschüchtern.
2. Nirgendwo kann man die Nebenwirkungen der Kleinstaaterei des frühen 19. Jahrhunderts besser nacherleben als im Wirrwar der Tarifzonen im Südosten unsrer Republik. Im MDV fährt mein Rad kostenfrei mit, doch nicht im VVO. Ein Sachsenticket gilt dafür im Bereich der ZVON, jedenfalls bis zur Grenze des VVB. Das erfährt man zwar nicht auf der Seite der Deutschen Bahn, wohl aber von der freundlichen Schaffnerin in der pivat betriebenen Ostdeutschen Eisenbahn. Wenigstens bleibt die Spurweite die gleiche.
3. Der Brandenburger und die Brandenburgerin sind mit robuster Herzlichkeit bestückte Gastgeber, Ratschläge-Erteiler und Wege-Zeiger. (Beispiel Neuzelle: "Der Wirt ist een Varückter. Der macht so Südfrüchte ins Essen!")
4. Im Vergleich zur Elbe ist die Neiße schmal, die Oder aber breit und wild (nur manchmal fließt sie "elbig" begrenzt). Dazu trifft man kaum auf Menschen, doch auf viele Störche.
5. Auf der Strecke herrscht packtechnisch legitimierter Grußzwang: der Zweitaschler wird vom seltenen Eintaschler gegrüßt. Er wiederum winkt dem Viertaschler zuerst. Alle neigen ehrfurchtsvoll das Haupt vor dem König der Radtouristen: dem Fünftaschler. Dieser steht an der Spitze der Pyramide und das zu Recht. Verheißen seine zwei Vordertaschen und drei Gepäckträgerbehältnisse doch mindestens eine Reise von 3 Wochen.
Nachtrag: Tagestouristen, sogenannte "Keintaschler" werden nicht gegrüßt!
6. Auf dem Abschnitt nach Küstrin trifft der Oder-Neiße-Weg auf den Europa-Radweg R1. Dort begegnet man den wahren "Silberrücken" der radelnden Bewegung ( Cherbourg la mere bis Küstrin, 1800 Kilometer, 76 Jahre alt; Sankt Petersburg nach Wittenberg, 2500 Kilometer, ca. 60 und 70 Jahre alt). Und einsame Fahrten führen zu ungeheuerem Gesprächsbedarf.
7. Rote Fassbrause, frisch gezapft, ist gigantisch.
8. Frischer Kuchen wird an der Strecke differenziert zwischen "selbstgemachter", "hausgebackener" und "Oma`s " (!) feilgeboten. Die ersten beiden Kategorien ließen sich geschmacklich kaum unterscheiden, sodass nur die semantische Frage geklärt werden musste, ob nicht "hausgebacken" "selbstgemacht" impliziert. "Oma`s Käsekuchen" überzeugte übrigens nicht. Zugegeben, die Attributierung muss nicht unbedingt das Qualitätsmerkmal Frische zur Folge haben.
9. An Originalität ist der Namensgeber von "Rudis Pension und Fahrschule" in Schwedt nicht zu übertreffen. Wenn er mit seiner Unterschrift die Petition gegen das AKW auf polnischer Seite unterstützt, bekommt der müd-hungrige Radler neben einer gemütlichen Schlafstatt auch einen nützlich-begründeten Hinweis, was das lukullische Angebot der alten Garnisionsstadt Schwedt betrifft. "Geht zum Chinesen gleich um die Ecke. Der hat bei mir Fahrschule gemacht. Auch die Frau und der Koch!" Und am nächsten Tag baumelt Rudis Radler - Ration am Fahrradlenker - das liebevolle Lunchpaket gibt es gratis und nur echt im selbstgehäkelten Beutelchen.

10. Wer von Schwedt per Zug zurückreisen muss, stellt sich die Frage: Schwedt (Oder) Mitte? Hinweis: Der Zug bedient beide Bahnhöfe.

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