Sonntag, 12. September 2010

Golgatha auf Pro 7 oder Die Quote liegt am Boden, doch ich war dabei!

Nach langem Lauf über das Berliner Pflaster werden am Abend die Füße hochgestellt. Auf den Fernsehguckerhocker. Die Tochter hat sich durchgesetzt: Das Pro 7- SOLITARY-Finale läuft. Meine Verweigerungshaltung nützt nichts.
Da ich annehme, dass nicht alle geneigten Leser zu den eingefleischten Fans dieser Art Unterhaltungsformat gehören, hier das Wichtigste in Kurzform:

Seit Wochen leben C- bis Y-Promis eingesperrt in Plastik-Kerkern und treten gegeneinander an, um verschiedene Aufgaben zu "meistern". Ersteres ist dabei durchaus als Gewinn dieser Sendung zu sehen. Die Spiele dagegen sind einfach nur bescheuert.
Die Insassen wissen nichts vom Ergebnis der anderen. Wohl aber der Zuschauer. Der ist über Kamera dabei. Am Ende fliegt einer raus. Ich meine, von den Kandidaten. Die große Zahl derer am Anfang ist vornehmlich dafür verantwortlich, dass sich das Ganze über mehrere Sonnabend-Abende in die Länge ziehen lässt.
Eine weibliche Computerstimme kommuniziert mit "ihren Gästen" über die Beschallungsanlage der Boxen. Das ist für die eingelochten Spieler ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Den Zuschauern an den Fernsehgeräten daheim präsentiert sich die Moderatorin Sonya Kraus vor und nach den Werbepausen zudem auch optisch. Und das ist schlichtweg unerträglich.

Das Finale bestand gestern darin, dass die letzten "Überlebenden", eine Sängerin namens Liza Li und Mister Germany Dirk Schlemmer, - kaum zu verwechseln mit Horst Schlemmer, denn den kennt ja jeder - , in Kreuzigungspose zwei Kupferstangen gegen Lampen-Kontakte halten mussten, ohne abzusetzen. Diese Passion dauerte über 20 Minuten an. Während Liza die Schwerkraft mit gequältem Gesang zu überwinden versuchte, fluchte und schrie der Dirk aus Leibeskräften gen Studio-Himmel. Sollte Mel Gibson die Leiden Christi noch einmal verfilmen wollen, so böte sich dieser Mister Germany an. Die vielen F-Wörter erscheinen im Aramäischen bestimmt nicht ganz so vulgär wie im Deutschen.
Das Fremdschämen hatte noch nicht einmal ein Ende, als die Liza nach über einer Viertelstunde aufgab. Denn derweil litt unser Dirk noch lange neuneinhalb Minuten weiter bis zum Zusammenbruch (siehe oben, die Spielregel!). Und erst dann hatte die Nation einen neuen Helden.

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