Freitag, 21. Januar 2011

Von der großen und der kleinen Politik

Gestern besuchte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Plenarsitzung im Sächsischen Landtag. Ich fuhr mit der Bahn dorthin. Das hier nur mal schon für nachher.
Wir sitzen also belehrt und beeindruckt auf der Balustrade. Nur vier Dinge dürfe man dort, drohte der Lehramtsstudent im Anzug und mit Einweisungsauftrag: Sitzen, atmen, schauen, hören. Das soll wohl lustig auf den Ernst der Lage hindeuten. Störung bedeute nämlich eine Straftat. Im Saal: Die Mächtigen unter uns und die Elbe "bis auf zum Rande" da draußen. Mehr möchte ich die Symbolik nicht bemühen. Was die da unten taten, war nicht das, was wir da oben sollten. Der Herr Apfel schaute Urlaubsfotos auf dem Laptop und scrollte sich durchs Netz. Herr Rößler unterhielt sich nach hinten und staunte dann über den neuen Tablet-PC eines Kollegen. Ein Kommen und Gehen. Und Wegbleiben. Und Gar-nicht-da-sein. Na, das weiß man ja alles. Die Abgeordneten saßen ja schon in den Fraktionen und Ausschüssen und haben über alles geredet und abgestimmt und eben auch sonst so viel zu tun... Wenn es dann einem aber vor Augen geführt wird, ist es etwas ganz Anderes. Vor allem, wenn es Schüleraugen sind.
Und da passt jetzt wieder mein Zugerlebnis. Früh macht der Schaffner eine alte Frau runter, die in ihrer Aufregung ihr Vier-Stunden-Ticket nicht nur bei der Hinfahrt sondern auch bei der Rückfahrt "abgeknippst" hat. "Normalerweise kostet das 40 Euro. Das ist nämlich Betrug!" Im Regionalexpress herrscht dahingehend eine eiserne Kontrolldisziplin. Betreten nur mit gültigem Fahrausweis! Und so erwartete ich auf der Rückfahrt - nicht ohne eine gewisse Spannung - die Kontrolle des Fahrscheins der jungen Frau mit Mantel inclusive Pelzbesatz, die kurz vorher bei ihrer Sitznachbarin erfragte, wann denn der IC nach Hamburg fahre. Das tat sie im perfekten Hochdeutsch und erzählte auch noch, wie schön sie den Freistaat fände und wie niedlich doch das "Sächsisch" klinge. Und sie müsse jetzt noch ein Ticket beim Zugbegleiter lösen, gab sie allen bekannt. Und was geschah, als der kam? Nichts. Er kam der Anfrage ihrerseits einfach nach. Er zog brav seinen Taschencomputer und löste ihr einen Schein. Nach Hamburg. Ja, fragte sie auch noch, ob sie nicht doch eine Bahncard besäße. Gab bereitwillig Auskunft, wann der Intercity nach Hamburg fahre und drängelte durch den ganzen Zug, um bei seinem Kollegen über Telefon die Ankunftszeit in der Hansestadt zu erkunden. Wenn das kein Service ist?
Oder man darf keine Oma sein.

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