Sonntag, 6. Februar 2011

Kampf der Kulturen

Im obersten Stock vom "Hugendubel" gibt es ein schönes Café. Der Himbeer-Smoothie ist besonders empfehlenswert. Man kann dort sitzen und an seinem Getränk zutschen und dabei in Büchern blättern und Leute beobachten. Wobei ich das persönlich ablehne. Es gehört sich einfach nicht. Ich meine das In-den-Büchern-Blättern, während ich etwas Klebriges trinke. Leute-Gucken geht schon. Das ist kaum unhygienisch. Meistens jedenfalls.
Gestern entspannte sich ein seriöser Business-Mann Ende dreißig in Blickweite bei Milchkaffee und Frankfurter Allgemeiner so selbstvergessen, dass er mit seiner rechten Hand begann, seine Nase zu reinigen. Zuerst war es nur so ein leichtes Zupfen mit dem Daumen am Nasenflügel. Eine Geste also, die auch als Nachdenklichkeit interpretiert werden könnte. Dann wurde es ein Knuffeln mit Daumen und Mittelfinger und steigerte sich nach einigem hin und her in ein tiefes Bohren mit dem Zeigefinger. Letzteres konnte schwerlich als etwas Anderes als banales Popeln verstanden werden. Nun gehört jene Tätigkeit unbestritten zu den menschlichen Bedürfnissen. Doch in Kombination mit Anzug, FAZ und Öffentlichkeit wurde das zum Besondern. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Zeitung eine aus dem Café geliehene und die rechte Hand die eines womöglich bevorstehenden Geschäftsabschlusses gewesen ist.
Es gibt Kulturen, da gilt eine Hand als "unrein". Da ist man im Abendland viel toleranter.

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