Die letzten Schulstunden vor den
Weihnachtsferien sind seit jeher von besondern Erwartungen erfüllt.
Ferienvorfreude, die Sehnsucht nach Besinnlichkeit und
Was-ich-heute-nicht-schaffe-mache-ich-im-nächsten-Jahr-Mentalität machen sich
breit. Doch wenn in den alten Zeiten eine vorgelesene Ottokar-Geschichte oder
Edgar-Allan-Poe-Story uns zu fesseln vermochte, so ist das heutzutage viel
schwerer. Das hat nicht nur etwas mit der mangelnden Konzentrationsfähigkeit
der heutigen Jugend zu tun. Eine Schulwoche hat halt viele letzte Stunden vor
Weihnachten. Und nach dem vierten Video ist der Schüler eben gesättigt. Eine
„normale Stunde“ vor den Ferien bildet also schon wieder eine willkommene
Abwechslung. So dachte ich mir wenigstens für meine Fünfte. „Ach, biitteeee!“
aus 20 Kehlen ließen mich von meinem Vorhaben abkommen. Was ich im Nachhinein
bitter bereute.
Nicht dass Scharade – wir erraten
mimisch und gestisch dargestellte zusammengesetzte Substantive – unvereinbar
mit dem Lehrplan wäre. Ich unterschätzte einfach die Sprengkraft, die von einem
Gruppenwettkampf ausgeht, der von 20 aufgeheizten Elfjährigen durchgeführt
wird. Dabei hätte ich schon stutzig werden müssen, als die ersten Runden mit
vollem Körpereinsatz anliefen. Beim Begriff „Kugelfisch“ warf sich der erste
mit Schwimmbewegungen auf den (Teppich-)Boden neben den Lehrertisch. Das
Kompositum „Hängebauchschwein“ wurde dann in seine drei Wortbestandteile
zerlegt. Was durchaus klug gedacht war, scheiterte aber schon in der ersten
Phase, als die Schülerin sich an der Stange des Kartenständers hochzuhangeln
versuchte. Statt das erhoffte „Hänge(n)“ riefen einige von den Frühreifen
„Striptease!“, was natürlich die Findung der beiden anderen Wortbausteine
unmöglich machte.
Darüber hinaus entwickelte sich
zwischen den Mannschaften ein derart verfeindetes Verhältnis, dass jede
zusätzlich verstrichene Sekunde mit lautem Brüllen eingeklagt wurde. Neben „Das
ist unfair!“- Rufen in Richtung Zeitnehmer wurden auch die Mitspieler der
eigenen Gruppe lautstark zur Schnecke gemacht, wenn sie z.B. die ihnen zur
Verfügung stehenden 60 Sekunden immer wieder mit derselben Geste verstreichen
ließen. (Obwohl ich zugeben muss, dass bloß Kreise schlagende Arme das Erraten
von „Weltuntergang“ nicht wirklich befördern.) Am Ende der besinnlichen Stunde haben
zwei der Kinder vor Wut und Enttäuschung geweint.
Und nächstes Jahr gibt es
Lehrbucharbeit.
1 Kommentar:
Ach,büttääääh, doch lieber wieder ein Worträtsel! ( z.B."Eurokrise" oder "Bundespräsident")
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