Samstag, 22. Dezember 2012

Oh du fröhliche

Die letzten Schulstunden vor den Weihnachtsferien sind seit jeher von besondern Erwartungen erfüllt. Ferienvorfreude, die Sehnsucht nach Besinnlichkeit und Was-ich-heute-nicht-schaffe-mache-ich-im-nächsten-Jahr-Mentalität machen sich breit. Doch wenn in den alten Zeiten eine vorgelesene Ottokar-Geschichte oder Edgar-Allan-Poe-Story uns zu fesseln vermochte, so ist das heutzutage viel schwerer. Das hat nicht nur etwas mit der mangelnden Konzentrationsfähigkeit der heutigen Jugend zu tun. Eine Schulwoche hat halt viele letzte Stunden vor Weihnachten. Und nach dem vierten Video ist der Schüler eben gesättigt. Eine „normale Stunde“ vor den Ferien bildet also schon wieder eine willkommene Abwechslung. So dachte ich mir wenigstens für meine Fünfte. „Ach, biitteeee!“ aus 20 Kehlen ließen mich von meinem Vorhaben abkommen. Was ich im Nachhinein bitter bereute.
Nicht dass Scharade – wir erraten mimisch und gestisch dargestellte zusammengesetzte Substantive – unvereinbar mit dem Lehrplan wäre. Ich unterschätzte einfach die Sprengkraft, die von einem Gruppenwettkampf ausgeht, der von 20 aufgeheizten Elfjährigen durchgeführt wird. Dabei hätte ich schon stutzig werden müssen, als die ersten Runden mit vollem Körpereinsatz anliefen. Beim Begriff „Kugelfisch“ warf sich der erste mit Schwimmbewegungen auf den (Teppich-)Boden neben den Lehrertisch. Das Kompositum „Hängebauchschwein“ wurde dann in seine drei Wortbestandteile zerlegt. Was durchaus klug gedacht war, scheiterte aber schon in der ersten Phase, als die Schülerin sich an der Stange des Kartenständers hochzuhangeln versuchte. Statt das erhoffte „Hänge(n)“ riefen einige von den Frühreifen „Striptease!“, was natürlich die Findung der beiden anderen Wortbausteine unmöglich machte.
Darüber hinaus entwickelte sich zwischen den Mannschaften ein derart verfeindetes Verhältnis, dass jede zusätzlich verstrichene Sekunde mit lautem Brüllen eingeklagt wurde. Neben „Das ist unfair!“- Rufen in Richtung Zeitnehmer wurden auch die Mitspieler der eigenen Gruppe lautstark zur Schnecke gemacht, wenn sie z.B. die ihnen zur Verfügung stehenden 60 Sekunden immer wieder mit derselben Geste verstreichen ließen. (Obwohl ich zugeben muss, dass bloß Kreise schlagende Arme das Erraten von „Weltuntergang“ nicht wirklich befördern.) Am Ende der besinnlichen Stunde haben zwei der Kinder vor Wut und Enttäuschung geweint.
Und nächstes Jahr gibt es Lehrbucharbeit.

1 Kommentar:

OE. hat gesagt…

Ach,büttääääh, doch lieber wieder ein Worträtsel! ( z.B."Eurokrise" oder "Bundespräsident")