Auch mit Ende 30 ist man gerne wieder einmal Kind. Man lässt sich umsorgen, sich in den Tag hinaus treiben und darf das Fernsehprogramm nicht selber bestimmen. Ich war in Zwickau, der Stadt in der ich geboren wurde. Leider wohnen meine Eltern nicht mehr in der Wohnung, in der ich aufwuchs. So gibt es weder mein Kinderzimmer, noch existiert der Neubaublock, der nach 1977 unser Zuhause darstellte. Rückgebaut heißt das wohl im Nachwende-Jargon. Sozusagen doppelt traumatisiert machte ich mich am gestrigen Vormittag auf die Suche nach Relikten meiner Kindheit. Mit Fotokamera sah ich wie ein Tourist aus und fühlte mich auch bald wie einer. Ein günstiges Parkangebot lockte mich auf den "Platz der Völkerfreundschaft". Der heißt wirklich jetzt noch so, vielleicht weil er in den Jahren meines DDR-Lebens von den Älteren immer "Stalinplatz" genannt wurde, wie er bis 1953 hieß. Quasi Ausdruck einer verzögerten Erinnerungskultur. Mich erfasste eine seichte Melancholie, dass die grauen Häuser meiner Kindheit jetzt zu bunten Jugendstilgebäuden geworden sind. Sicher waren sie das schon immer gewesen, wenn vielleicht auch nicht farbig. Die Einfahrt zu meinem "Geburtshaus" hielt ich im Bild fest. Zwar existiert auch diese von uns vor 1977 bewohnte Wohnung nicht mehr - also dreifach traumatisiert - doch gibt es den Hof noch, den ich als kleines Kind nicht verlassen durfte. Das angrenzende "Bergarbeiterkasino" hatte einen zu schlechten Ruf. So fuhr ich mit meinem "Liliput", einer dreirädrigen Entsprechung des westdeutschen Kettcars, auf einer streng mir selber vorgeschriebenen Strecke des Hofes Bus. Kleine Kärtchen zeigten meinen imaginären Fahrgästen die Haltestellen und ich bin heute noch der Meinung, dass ich das Geräusch der sich automatisch schließenden Türen verblüffend echt nachmachen konnte.
Zuhause genieße ich lieber den Balkon meiner Eltern. Vorbeifahrende Züge bemerke ich gar nicht. Mich fesseln die Helden von Anne Holt. Ferienzeit ist Krimizeit. Und zwar skandinavischen vorbehalten. Aufgeschreckt werde ich durch des Nachbarn Papagei. Robby heißt der. Das erscheint zwar sehr klischeehaft, doch ist der Vogel wirklich in der Lage zu sprechen. Und das mit einer solchen Deutlichkeit, die beängstigend ist. Er pfeift den "River Quai-Marsch" und fragt "Nu, was denn?. Er warnt: "Pass mal auf, mein Freund!" Beschwichtigt: "Mei Guter!" und dichtet: "Robbilein hat Scheiß am Bein." Das alles natürlich mit ausgeprägtem Zwickauer Idiom. Manchmal auch bellt der Robby. Das wiederum ist die Folge, dass die Nachbarn von Robbys Besitzern- sprich meine Eltern - in den letzten drei Jahren zu ausgesprochenen Hundeliebhabern geworden sind. Aber das ist eine Geschichte für sich.
1 Kommentar:
... nämlich die Geschichte der vierten Traumatisierung.
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