Montag, 27. August 2007

Hilfe, mein Handy klingelt

Ich gebe es zu. Ich bin Tatort-Gucker. Und das ist an für sich ja nichts Schlechtes. Bescheinigte mir und anderen doch der ehemalige Sat.1-Chef Roger Schawinski im letzten ZEIT-Magazin, dass "Menschen mit höherer Bildung ... dramaturgisch höhere Ansprüche" hätten und deshalb nach "komlexeren Programmen" lechzen. Das geschehe mit der Konsequenz: "Am Sonntag schaut man immer den Tatort." Nimmt man ernst, was Schawinski sagt, dann bedeutet dies, dass die meisten Deutschen Bildungsbürger wären. Denn nach dem gestrigen TV-Fall aus Bremen, wirft sich die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung für die Millionen entsetzter und potentiell strahlengeschädigter Handybesitzer in die Front, die gestern auch der Kommissarin gefolgt waren. Die Vorstellung, dass mein Sony Ericsson neben SMS, MMS und "SOS" auch bald Protonenstrahlen verschießen kann, um den unliebsamen Teilnehmer zu verdampfen, ist schon beunruhigend. Wenngleich man so den verhassten Telefonwerbern auf finale Weise Einhalt gebieten könnte.
In der neusten Ausgabe des ZEIT-Magazins fand ich auch einen interessanten Artikel zur Veränderung unserer Klangwelten. Die CD, sie wird nämlich 25 Jahre alt, habe den Beginn der Digitalisierung der Musik und damit die "Entgegenständlichung" derselben eingeleitet. Alles komprimiert, der Zwischentöne beraubt, des Knarzens entledigt. Aber doch auch beängstigend. Eine Sache, die ich nachvollziehen kann. Denn wie passen die ganzen Lieder in meinen Mp3-Player rein? Kein Ding, wo die drauf sind. Keine Plattenhülle, kein Cover, kein Booklet!! Gleichzeitig hätte mit der Abwendung von den Gegenständen, die Musik erzeugen, übertragen, konservieren und reproduzieren, aber auch die Stunde der "audiophilen Regression" geschlagen. Plattenspieler seien wieder im Kommen, Lautsprecher in Holzboxen die Alternative zur I-Pod-Station. Sogar Röhrenverstärker mit gigantischen Ausmaßen seien zu ebenso gigantischen Preisen zu kaufen. Reiner Klang als Luxus. Von Wundertinkturen ist die Rede, mit denen die "letzten Eiferer des Perfektionismus" ihre CDs eingereiben. Dem guten Klang halber. (Ich weiß, dass manch einer sündhaft teure Schaumstoffläppchen auf seinen Silberling legt und gespannt auf die anerkennende Zustimmung seiner Mitzuhörer harrt. Andreas, du bist eben audiophil). Erkenntnis des Tages: Gott sei Dank, ich habe meine Vinyl-Platten-Sammlung behalten. Und wäre diese regressive Entwicklungen im medialen Bereich nicht auch auf den telekommunikativen übertragbar? Die Rückkehr zum Morseapparat als Beitrag zur Volksgesundheit? Natürlich in Eiche. Oder Mahagoni.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Da deine letzten Ferientage ja nun auch gezählt sind, wünsche ich dir schon mal viel Spaß, wenn du dich nächste Woche mit den vielen kleinen und großen Gymnasiasten und zukünftigen Abiturienten rumschlagen darfst...
Und ja, ich finde auch "Homo Faber" ist ein guter Roman. Obwohl es ja eigentlich ein Bericht ist. Griechische Mythologie kann ich im Grunde gar nicht leiden, aber in der Verpackung schon.