Zahnarztbesuche sind schlimm. Zahnarztbesuche mit Wurzelbehandlung noch schlimmer. Zahnarztbesuche mit Wurzelbehandlung, auf die man noch warten muss, sind das schlimmste. Der Terminkalender der Schwester quillt über. Ich solle Zeit mitbringen. Das tat ich heute auch. Und packte meinen Krimi dazu. Das Wartezimmer ist voll. Ich setze mich und beginne zu lesen. Kerstin Holm und Paul Hjelm ermitteln. Es wird zeitig dunkel in Schweden. Hier auch. Und dann kommt er. Klein, dicke Brille, Anorak. Ich erkenne ihn wieder. Ich saß mit ihm schon einmal im Wartezimmer. Jedem erzählte er, dass sein Bus eine Panne hatte. Und er nicht zur Arbeit komme. Laut und aufgeregt sprach er. Als ich mit ihm alleine saß, erzählte er es mir nochmal, obwohl ich schon vorher alles gehört hatte. "Ja... das stimmt... so ist das", entgegnete ich ihm damals nach jedem Halbsatz, mit gutem Gewissen und zur Integration aller Randgruppen bereit. Das befördert mich heute zum stillen Beobachter. Ich bin gespannt. Mit Buch fühle ich mich sicher. Draußen höre ich, wie er der Sprechstundenhilfe aufgeregt zubrabbelt: "Die sinn doch verüggt. Sperrn die de Stroaße. Un an dr Ammbl muss isch noch mal zeahn Minud´n ward´n. Mir steht´s hier." Seine Tonlage überschlägt sich. Die Schwester- sie scheint ihn zu kennen- bleibt ruhig und souverän. Er kommt rein. Ich bin gespannt. Wie reagieren meine Mitpatienten? Es dauert keine halbe Minute und er spricht die ältere Dame neben sich an: "Heid frieh, sperrn die de Stroaße. Der Busfahrer war och schon ganz verüggt. Und an der Ammbl ..." Sie reagiert nicht. Schweigt. Peinlich berührt. Ich blicke zwischen die Zeilen und in das Gesicht der Frau. Sie fühlt sich nicht wohl. Ist froh, aufgerufen zu werden. Der kleine Mann wendet sich zur nächsten Patientin. Als ob er sie sein ganzes Leben schon kenne, vertraut er ihr sein Problem an: "De Ammbl war rot. Isch komme zu späd zur Arbeit. Zum verüggt werden. Sperrn die de Stroaße ... ." Was wird sie machen? Löschen unerwünschten Verhaltens durch Ignorieren war ja schon. Kommt in diesem Fall beim neutralen Beobachter (der sich hinter seinem Buch versteckt) auch nicht gut an, weil`s überheblich wirkt. Die Frau reagiert: "Aha!...Ach so!... Da musst du früh eher aus dem Bett aufstehen!" Sie spricht wie mit ihrem Sohn. Dafür erhält sie von mir eine volle Punktzahl. Abzüge erfolgen aber, weil sie mit ihrer Rede das Mitteilungsbedürfnis seinerseits weiter anheizt. Was machen nun die anderen. Der Mann neben mir schaut "unbeteiligt" auf seine Fußspitzen. Der junge Mann links blickt mit Mir-tut-die-Backe-weh-Mimik in die rechte obere Zimmerecke. Meines Erachtens zwei ziemlich miese Varianten, sich aus der kommunikativen Verantwortung zu ziehen. Während ich meine Blicke durch das Zimmer streifen lasse, treffen diese auf zwei dicke Brillengläser. Mein Fehler. Schnell weiterblättern. Er setzt an: "Da machen die de Am´bl auf..." Weiter kommt er nicht. Die Ärztin holt ihn. Sie nehme ihn gleich dran, bei ihm gehe es schnell, sagt sie. Nichts dagegen habe ich.
Montag, 5. November 2007
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2 Kommentare:
Buch war also offensichtlich auch keine gute Variante. Schon gar nicht, wo die Neugier doch einfach zu groß war. Da muss wohl bei Gelegenheit mal das unauffällige Beobachten geübt werden,...
...oder eine großformatige Zeitung mitgenommen. Du weißt ja, mein Zahnbewehter, "dahinter steckt immer ein kluger Kopf."
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