Wenn wir uns an bedeutsame Situationen unseres Lebens erinnern, dann sind das solche, in denen wir das Glück ganz nah bei uns fühlten. Wir denken auch an Erlebnisse, die uns große Angst gemacht haben. Vielleicht sogar existentielle. Uns fallen Augenblicke völliger Ruhe ein, mit der wir uns für Sekunden im Einklang befanden. Kommen all diese Dinge in einem Moment zusammen, dann vergisst man diesen wohl nie.
Als ich meine Tochter das erste Mal in den Armen gehalten habe, ihre runzlige rote Stirn kaum aus dem Tuch hervorguckte, die Winzighände mit den noch kleineren Fingern dran um meinen Daumen fassten, ich befürchtete, sie zu erdrücken und ihre Wärme auf mich überging, war so ein Augenblick. Das ist mittlerweile 12 Jahre her. Und würde sie mir jetzt über die Schulter blicken und das lesen, kommentierte sie meine Zeilen sicher mit einem ausgesprochenen "Ach Papa!" und gedachtem "Oberpeinlich."
Doch sie schaut nicht. Denn sie feiert. Sozusagen den zweiten Teil des großen Wochenend-Geburtstags-Feten-Marathon. Gestern lief die Pyjama-Party hier für sie. Heute ist sie und die gleiche Besetzung bei einer Freundin Schlafgast.
Ich gab das Wohnzimmer für den Freitagabend frei. Matratzen wurden vom Boden geholt, Spirelli gekocht, Soße gerührt, Knabbergebäck sortiert, Luftballons aufgepustet, Papierschlangen - mein Protest währte nur kurz - im Zimmer verteilt. Dann kamen die Mädels. Noch kommen nur sie! Lange Haare sechsmal. Einen alkoholfreien Coctail für jede ("Im fächerverbindenden Unterricht war am Dienstag ein Barmixer bei uns." - Na so macht Schule Spaß!). Sie sehen sich um und ziehen sich zurück. Als Geburtstags-Feten-Verantwortlicher will ich einen guten Job machen. "Was wollt ihr denn spielen?" - "Wir quatschen." Ich gehe.
Nach dem Essen gibt es einen Film ("Wilde Hühner und die Liebe"). Dann gibt es noch einen ("Natürlich blond"). Mittlerweile sind alle in ihre Schlafsäcke gekuschelt. Niedlich, wenn man nicht wüsste, dass es kurz vorher dreien der Sechtklässlerinnen ein Entzücken bereitet hat, auf dem aufblasbaren Gästebett Purzelbäume zu springen. Kurze Intervention war nötig. Brav liegen sie jetzt. Ich gehe. Beim Lesen schlafe ich ein.
Gegen halb eins - ich fühle mich genötigt - schaue ich doch noch einmal. Der Fernseher läuft. Leises Schnarchen. Nur zwei spielen noch Nintendo. Licht aus. Ich bin kaputt, freue mich aus Aufräumen morgen.
Nach dem Frühstück werden sie gegen zehn pünktlich geholt. Zu spät abzuholen käme einem Frevel gleich. Das ist das grundlegendste aller ungeschriebenen Gesetze für Kindergeburtstagsgäste-Eltern. Den Mädels scheint es gefallen zu haben. Ich verpacke die Hälfte der eingekauften Bäckerbrötchen in eine luftdichte Tüte. "Papa, was glaubst du denn, wie viel Mädchen essen?" Ich lächle leise, dass es geschafft ist. Und frage mich, wie lange Geburtstagspartys noch so "unschuldig" vergehen.
3 Kommentare:
Bei den nicht mehr so unschuldigen Geburtstagspartys wirste ja nicht mehr dabei sein. Und wenn deine Tochter zur Höchstform auflaufen wird, biste längst im heimischen Bett im Reich der Träume... Und um 10 am Morgen musste sie dann auch nicht mehr abholen. Wenn Du sie überhaupt noch abholen DARFST!
Du weißt es, so ist das Leben.
...oder du hast das Pech, unsichtbar in deinem Haus bleiben zu müssen, wärend du 25 Menschen im Garten rumspringen und den 16. Geburtstag deiner Tochter feiern siehst.
Oder: Du steigt morgens in dein Auto um zur Arbeit zu fahren und das liebe Kind kehrt gerade heim. Es wird so kommen, ganz bestimmt. Spätestens zur Abi-Zeit. Aber bis dahin dauert es ja noch ein Weilchen.
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