Der erste Arbeitstag im neuen Jahr ist nicht nur deshalb ein besonderer Tag, weil man den ersten Tag arbeiten muss im neuen Jahr. Es ist auch der Tag, an dem man in die Situation kommt, allen, mit denen man in der Silvesternacht nicht angestoßen hat, die auch am Neujahrstag keinen Karten-, Email- oder Telefongruß erhalten haben, alles Gute für die kommenden zwölf Monate zu wünschen. Ich mache das ehrlichen Herzens, denn die meisten Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe, verdienen ein gutes neues Jahr. Da es aber an Orten mit starker Frequentierung, wie es zum Beispiel eine Schule nun einmal ist, zu geballten Begegnungen zwischen Personen kommt, nimmt die "Gute-Wünsche-Sagung" manchmal äußerst skurrile Formen an. Und das ist sehr unterhaltsam. Rein sprachwissenschaftlich betrachtet natürlich.
"Ich wünsche dir ein gesundes neues Jahr", wird gerne einer einzelnen Person am frühen Morgen entgegengebracht. Noch ist man frisch und guter Dinge und gibt sogar die Hand dazu.
"Alles Gute!" stellt dann eine abgeschwächtere Form des Neujahrgrußes dar. Doch in der Kürze liegt bekanntlich Würze und umfassen diese zwei Worte nicht alles gut Gemeinte?
Ein "G´sundes neues!" muss an sich nicht weniger herzlich determiniert sein, erscheint aber schon wesentlich legerer, das meist in einem Atemzug genuschelt vorgetragen wird. Gegen Mittag ist man meist soweit.
Wesentlich leichter hat es bei allem der Grußempfänger. Er entgegnet nur "Ich dir auch", "Dir auch" oder "Gleichfalls". Deshalb heißt es am ersten Arbeitstag: Früh da sein! Die bizarrsten Gespräche ergeben sich aber an den Tagen, die da folgen. Bei so vielen guten Wünschen verliert der Wunschgeber leicht den Überblick. Um nicht als soziales Würstchen dazustehen und ins kollegiale Abseits zu geraten, empfiehlt sich die Nachfrage. Metakommunikation vom Feinsten. "Haben wir uns schon ein gesundes Neues gewünscht?"-"Nein, ich glaube nicht."- "Ein gesundes Neues dann noch!"- "Dir auch."
Und das gilt auch dir, geneigte Leserin und geneigter Leser.
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