Samstag, 5. April 2008

Von den Unterschieden der Behandlung von Tonträgern - eine generationsvergleichende Betrachtung

Von meinem ersten Westgeld kaufte ich mir Schallplatten. Besser: Mein gesamtes Westberliner Begrüßungsgeld setzte ich 1989 im WOM (World of Music) an der Gedächtniskirche um. Das kostbare Vinyl wurde gehütet und gepflegt. Es war das Schicksal einer jeden guten Platte zu DDR-Zeiten, nur dreimal gespielt zu werden, wenn es hoch kam. Um die Rillen zu schonen. Das erste Hören natürlich. Dann beim Überspielen auf eine alltagsgebräuchliche Kassette. Und - zum Übertragen auf die Kassette eines wirklich guten Freundes. Das handhabten die meisten meiner Kumpel auch so.
Ich erinnere mich, dass ich meine gesamte Sammlung in der fensterlosen Neubauwohnungsküche meiner Eltern auch einmal abgewaschen und zum Trocknen in die Spüle gelehnt habe. Das haben meine Freunde, glaube ich, nicht getan.
Nachdem sich die CompactDisc durchgesetzt hatte, schaffte ich mir wichtige Alben noch einmal an. Der Nimbus der Unersetzlichkeit ging mit den mittleren Neunzigern zwar dahin, trotzdem behandle ich meine CDs noch genauso sorgsam. Es bereitete mir zuweilen körperliche Schmerzen, wenn die Schüler in den Klassenfahrtbussen ihre Musik mit Wurstbrotfingern in die Player stopften, oder ihrem Sitznachbarn auf dem genoppten Plastiktischchen hinschoben. Damit der dann mit Milchriegelschaum am Daumen danach greifen konnte. Das ist im Zeitalter von Mp3 nun auch schon Kulturgeschichte. Doch ich bekomme eine Krise, wenn die Heranwachsende neben mir, die meine geliebte Tochter ist und immer bleiben wird, beim Autofahren sagt, dass sie ihre "Juli-CD" nicht mehr finden könne. Und dabei überhaupt nicht aufgeregt erscheint.

1 Kommentar:

steffi hat gesagt…

Ich bin ´89 auch gleich ins WOM gestürzt, aber ohne eine Scheibe wieder rausgekommen.
Ich war von der Auswahl so entzückt, erschlagen und von mir enttäuscht zugleich, da ich mich nicht entscheiden konnte, welche meiner Lieblinge ich mir in "gepresster Form" mit nach Hause nehme...
Meine Plattensammlung habe ich übrigens auch einmal mit lauwarmem Fit-Wasser gewaschen. Ich habe sie nur nicht im Spülbecken getrocknet, sondern eine Leine durch alle Scheibchen gefädelt und dann quer durchs Zimmer gespannt - in der Hoffnung, dass diese dem Gewicht standhält. Nach dem Trocknen wurden die Heiligtümer wieder sorgsamst verpackt. Und heute ?
Sie wurden nicht in den Keller verbannt, sondern liegen in einer Kommode auf dem Korridor. Denn an jeder hängt ein Stück Herzblut...