Sonntag, 21. September 2008

Tief im Osten


In "Bochum" nuschelt Herbert Grönemeyer vom "Westen, wo die Sonne verstaubt". Wir waren am Sonnabend tief im Osten. Um auf Bochum zu treffen. Weit in der Lausitz. Dort, wo die Schilder schon slawisch werden. Wenn meines Freundes Franks Verein ganz unten in der Tabelle rangiert, nimmt er uns mit, um die Kehre einzuleiten. So war es jedenfalls im letzten Jahr.

Noch bevor wir ins Stadion fahren, stehen wir gedankenversunken und blicken auf die wilden Lausitzer Landschaften, harren vor dem riesigen Tagebauloch und suchen die Höhe 105, wo die Helden von Klein Jauer vor kurzem ein Kreuz errichteten und mit "Störtebeker", "dem Bier der Gerechten" auf ihre weggeschaufelte Heimat anstießen. Das Kreuz ist umgesägt. Die Höhe finde ich nicht. Und nur ein kleiner Bagger arbeitet an der Rekultivierung. Wenn wir fünfzig sind, werden wir hier baden können.

Eine Stunde später sitzen wir im Familienblock. Und winken dem "Lauzi". Wir sind uns einig, dass der in Plüsch niedlicher ist. Neben mir hockt ein Kind mit aufgestülpter Energiemütze. Es schaut stoisch herum, ohne Reaktion. Vielleicht sollte man den Jungen doch lieber zum Ballett schicken, denke ich mir. Oder ihn wenigstens mal den "Lauzi" streicheln lassen. Hanna flüstert: "Der guckt dich immer so komisch an."

Das ist übrigens nicht der Familienblock. Sondern der, von dem die Gesänge kommen. Ich freue mich auf das "Große Wumbaba" und erwische mich dabei, dass ich konträrfasziniert auf die Fan-Rituale starre. Besonders das Springen-von-oben-in-die-untere Reihe halte ich für nicht ganz unbedenklich. Mein Freund Frank beruhigt mich: "Spaßgehabe". Nach kurzer Pause fügt er hinzu: "SPD-Wähler sind das aber sicher auch nicht gerade." Am Ende kommt es nicht zum "Uffdada" (so heißt das Auf-und Niederhüpfen nach dem Sieg nämlich richtig). Schade. Doch wenigstens einen Punkt haben wir geholt. Dann wird psychologisiert: Man besucht eher das Stadion, um seine Mannschaft verlieren zu sehen. Kollektives Leiden geht nämlich tiefer. Ich weiß nicht recht. Die Liebste und ich geben die geborgten Schals zurück.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Andreas:

Wo ist das Foto von Lautzi mit den beiden Event-Touris?!

Anonym hat gesagt…

Ihr habt doch hoffentlich in der Lausitz und beim Anblick der Tagebaulöcher auch mal - außer dem Fußball zu frönen - eine Gedenkminute für Gundi eingelegt...!
Also, wenn ich meine Schwester in Hoyerswerda besuche, mache ich das immer.
Übrigens - vielen Dank nochmals :-)

Anonym hat gesagt…

Mal abgesehen davon, dass das "Große Wumbaba" in Wirklichkeit "Ufftata" heißt, hast du die Eindrücke des Tages hervorragend wiedergegeben. Zum Thema Kollektivleid empfiehlt meine literarische Halbbildung noch einmal allen Rezipienten des Blogs Nick Hornbys "Fever Pitch". Ein Foto mit Lauzi und den beiden Klasseunterstützern findet Andreas auf Marias Blog. Und ich fahre jetzt gleich los zum Pokalspiel gegen Gladbach. Ich verpreche, unterwegs eine Gundermann-CD einzulegen und hoffe auf einen Sieg mit anschließendem großem Wumbaba. Und wenn nicht - dann gibt's eben am Samstag im Berliner Olympiastadion das große Uffdada.