Freitag, 24. April 2009

Überzähliges Dasein

Keine Angst, die Überschrift erfolgt nicht aus Verdruss. So lautet der Untertitel zu einer gerade erschienenen Biografie Rilkes von Fritz J. Raddatz. Dieses Buch stellte er gestern höchstpersönlich vor. Gestern, die Liebste nahm mich mit. Fritz J. Raddatz begleitet mich in den letzten Jahren indirekt, mal mehr, mal weniger intensiv. Und ohne meine liebste Expertin, die aufgeregt neben mir saß, würde ich ihn nicht kennen. Auf den Fotos wild zugewachsen, erschien der alte Mann gebräunt und mit gepflegt gestutztem Bart. Schwarzer Anzug, Samt, Taschentuch über der Brust und richtige Manschettenknöpfe. Die Liebste vermutete richtig, stilvoll und extravagant. Am meisten bewunderte ich seine roten Socken, die er unterm Tisch, unruhig mit den Beinen schlenkernd, immer wieder präsentierte.
Wir nahmen in der zweiten Reihe Platz und um uns geballtes Leipziger Bildungsbürgertum. Dort eine ältere Dame, die, bis es anfing, in "Literaturen" blätterte. Drei Reihen weiter ein Solschenizyn in mittleren Jahren mit Siegelring. In Reihe fünf der alte Rektor meiner Pädagogischen Hochschule nebst Gattin. Sein Name ist mir entfallen. Von ihr wussten wir, damals, dass sie Ingrid hieß und warum sie sich niemals die Haare schneiden ließ. Sie lehrte Psychologie. Vor uns ein sehr graues Haupt, das mich sehr beeindruckte, da es zu jedem Satz des Lesenden wissend nickte. (Da es nach der Lesung weiternickte, wich die Ehrfurcht später ein wenig der Sorge.)
Raddatz
liest mit angenehmer Stimme und akzentuierten, aber lockeren Gesten. Er streut englische und französische Redewendungen und Zitate ein, übersetzt dem Publikum aber auch, was Baudelaire gesagt habe und das lautet im Deutschen nun einmal ziemlich unmetaphorisch "ficken". Er ist witzig und charmant. Wir hören gerne zu. Und verstehen am Ende sogar, wenn Raddatz die Wahl seines Untertitels erklärt: "Überzähliges Dasein" verweise auf ein Leben jenseits bloßer Nützlichkeit und heiße doch nicht unnütze Existenz. Es bleibe eben ein kleines bisschen Ungeklärtheit in dieser Formulierung.
Übrigens:
Heute habe ich im Auto "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" gehört. Das Politische darin habe ich aber trotzdem nicht so richtig entdeckt.

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