Montag, 18. Mai 2009

Naturnaher als einem lieb

Ich gehe gern raus in die Natur. Ich mag es nur nicht, wenn die Natur rein zu mir kommt. Und das tut sie seit einer Woche regelmäßig in Gestalt einer großen Hornisse. Diese zwängt ihren massigen gelb-schwarz gestreiften Körper brummend in einen Dachspalt draußen auf dem Balkon, ca. ein Meter fünfzig über unseren Köpfen. Seit einer Woche will ich Bauschaum kaufen. Doch zuvor gilt es, das Internet zu durchstöbern. Einfach "Hornisse+Dachspalt" googeln und schon erfährt man im Forum alles, was man bis jetzt noch nicht wusste. Nein, keine sieben Stiche töten ein Pferd. Hornissen seien friedlich. Und würden sowieso nicht vom Hausverwalter und oder Kammerjäger entsorgt, da sie unter Naturschutz stünden. Sie wollen niemals in eine Wohnung. Sie bräuchten regelmäßig Wasser, da sie sonst schnell verdursten. Dort, wo sie sind, gäbe es auch keine lästigen Wespen. Einer wünschte sich sein altes Nest sogar wieder auf die heimische Terrasse zurück. Sie bauten zwar gigantische Wabengebilde unterm Dach, fräßen aber nur fauliges Holz und die Sparren wären somit nur ganz selten gefährdet. Man dürfe sie nur nicht reizen oder ihnen in der Flugbahn rumstehen. Im Allgemeinen seien die Stiche aber nicht unangenehmer als die von normalen Wespen. Die Königinnen bauten im Frühjahr allein die erste Wabe für ihr Nest .... Und ich warte nicht auf die neue Woche, um Bauschaum zu kaufen, sondern verkitte sämtliche Ritzen im Gebälk mit Silikon. Das ist eigentlich für drinnen, aber das muss Ihre Majestät ja nicht wissen. Beim Herumhantieren fühlt sie sich gestört und verlässt lauter, so scheint es, ihr Loch. Trotz intensiver Internetrecherche reagiert mein Körper instinkthaft. Ich zucke, als das Ding am Ohr vorbeischwirrt und übers Dach davonzischt. Dann geht alles schnell ....
Später stehe ich mit meiner Silikonpistole wie ein amerikanischer GI am Ho-Chi-Minh-Pfad. Und dann kommt sie doch zurück. Sucht ihren Spalt, der verkittet nicht mehr da ist, wo er vorher war. Fliegt weg. Kommt wieder. Sucht und tastet. Fliegt weg, kommt wieder. Und tut mir Leid.
Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass Fliegen ein wirklich knappes Kurzzeitgedächtnis haben und deshalb immer wieder gegen die Fensterscheibe knallen. Wie es bei Hornissen ist, weiß ich nicht. Vielleicht so: Oh, ich komm nicht rein. Mist! Oh, hab ich einen Durst. Muss mal was trinken fliegen ... Oh, ich komm, nicht rein zu Hause. So ein Ärger! ... Oh, kriege ich einen Durst ...
Wieder und wieder.


Nach vier Stunden entschließe ich mich für Plan C: finaler Schlag mit gerollter Zeitung. (Plan B, das Einfangen mittels Glas und späteres Aussetzen an geeigneterer Stelle, wird auf Grund der Größe des Insekts als undurchführbar deklariert.) Johanna äußert sich skeptisch zu C: "Das klappt nie!" (Für sie ist das Problem gar keins. Mit ihrem schlichten Teenager-Gemüt vermeidet sie einfach das Betreten des Balkons.) Zwei Versuche auf der Arbeitsplatte unserer IKEA-Küche müssen reichen. Es knallt gewaltig. Dann lege ich die Zeitung weg. Vernunft gegen brachiale Gewalt. Vespa Crabro soll ihre Chance haben - sich ein anderes Quartier suchen! Bis morgen.

3 Kommentare:

steffi hat gesagt…

Na, lass das mal nicht meinen Mann, den Umweltredakteur lesen!
Die "Kerlchen" in den schicken gestreiften Badeanzügen tun doch nichts !
Ich hoffe zudem, dass du keine Anverwandten oder gar den Liebsten der Hornisse hinterm Silikon elendig hast dahinsiechen lassen.
Und sofort muss ich an den Rammstein - Titel "Stein auf Stein, maure ich dich ein" (oder in deinem Falle "aus") denken...
Also ich wäre für Plan B gewesen :-)

Anonym hat gesagt…

Ist das nicht irgendwie strafbar Tiere zu töten, die unter Naturschutz stehen? Im Wald erschlägt doch auch keiner den Uhu...

Marie hat gesagt…

Achwas, Horni hat ganz klar eingesehen, daß die Wohnung einfach nicht ihren Ansprüchen genügt - trotz Parklage und Dachgeschoß. Sie ist jetzt an einem anderen Ort viel glücklicher, ich bin ganz sicher.