Mittwoch, 29. Juli 2009

Zoo-Geflüster

Als Inhaber der ZOO-Jahreskarte kann man Tiere, Menschen und Attraktionen zu allen Zeiten betrachten. Auch im Sommer. Wenn man dies am sonnigen Sonntagnachmittag tut, gerät man in Gefahr, von tausenden Wochenend-Ausflugs-Familien über die Absperrungen in die tierfreundlichen Gehege gedrückt zu werden, in deren hinterste Ecke sich Tiger und Co. stressfrei zur Ruhe gebettet haben.
Dass es in der Woche nicht viel anders ist, habe ich heute gelernt. Zwar sind weniger Familienväter von der Partie, die bekanntlich nur an Sams- und Sonntagen den Kindern gehören, dafür eine Menge pflichtbewusster Opas und quirlige Ferien-Gruppen. Wenn man dann vor lauter Besuchern die Tiere nicht erkennt, bietet das Studium der Menschen einen vergleichbaren Unerhaltungswert. Und das muss man nicht einmal mit besonderem Vorsatz planen. Manchmal reicht es, den ausgeschilderten Rundgang genau entgegengesetzt zu machen, um an den Entgegekommern die Perspektive zu erweitern.
Da fällt beispielsweise auf, dass ein hoher Prozentsatz der Erholungssuchenden sehr unentspannt unterwegs ist. Schon in deren Gesichtern ist zu lesen, dass der Tag durch allzuviel Kompromisse zustande gekommen ist. Vor allem Mütter erscheinen oft derart genervt, dass die Unternehmung Leipziger Zoo kaum als "Schönstes Ferienerlebnis" die Morgenkreise diverser Freier Grundschulen beleben dürfte.
Dass eine kleine Flasche Bonaqua im Zoo mehr als zwei Euro kostet, grenzt, ich gebe es zu, an Wucher. Doch kommt das sicher nicht so unerwartet, als dass man bei der Vorbereitung der Tour Wasser einpacken könnte, um nicht auf den öffentlichen Wegen lauthals über den Preis schimpfen zu müssen. Soweit es die Flasche zulässt, die SIE, vor Aufregung rot, zum Munde führt.
Oder die Mutter offensichtlich afrikanischer Abstammung. Sie greift einem ihrer dunkelhäutigen Söhne dicht unter das Kraushaar, um ihm unter Anwendung einer ziemlich traditionell-deutschen Erziehungsmethode (ich vermeide bewusst "Schwarze Pädagogik"!) das Ohr zu verdrehen. Dabei zischt sie ihm akzentvoll und nachdrücklich zu, dass er hier nicht zu Hause sei. Der Vorfall geschieht wirklich unter dem Hinweisschild "AFRIKA-Savanne" und entbehrt somit einer gewissen Komik nicht.
Sehr beliebt sind auch die meist männlichen Erwachsenen, die ihren Töchtern und Söhnen die Fauna nahebringen, indem sie ihnen erzählen, was die Kleinen sehen könnten, wenn die Alten weniger aufklärerisch unterwegs wären. Da ist ein großer Gorilla! Der schläft. Und dort ist noch einer.
Wenn man genug Menschenzoo in sich aufgesaugt hat, kann man in Leipzig hin und wieder auch Tiere gucken. Und da lohnt es sich, eben nicht vor den putzigen Erdmännchen zu drängeln oder im Gewühle eine Löwenquaste zu erahnen, sondern sich den Außenseitern zu widmen. Mähnenwolf und Anoa (Zwergbüffel) sind dankbare Tierparkbewohner.
Wir fütterten heute Spatzen und erlauerten den gigantischen Karpfen, der träge im Wassergraben vor den Bonobos dümpelt und mit riesigem Maul die Entengrütze an der Oberfläche abgrast.

1 Kommentar:

steffi hat gesagt…

Da werde ich wohl auch mal über `ne Jahreskarte nachdenken, da ich doch ab übernächster Woche immer mittwochs in der Nähe des Zoos bin...
Hoffentlich ist die Mutter afrikanischer Abstammung mit ihrem ohrverdrehtem dunkelhäutigen Sohn vor der Afrika-Savanne noch zu bestaunen :-)