Donnerstag, 20. August 2009

Hitzefrei

Vorab: Das klassische, jenes unerwartete, wohl aber an heißen Tagen ersehnte, uns das Freibad näherbringende, neben den Pausen das Beste an der Schulzeit gewesene, nur durch die Allmacht des Direktors verkündete "Hitzefrei" meiner Jugend gibt es nicht mehr.
Sicher liegt das am Klimawandel, denn die globale Erwärmung führte über kurz oder lang zum ständigen Unterrichtsausfall. Kann aber auch sein, dass es an neuen pädagogischen Konzepten liegt. Bei uns gibt es statt dessen "verkürzten Unterricht". Das heißt, nichts fällt aus, die Kinder können aber trotzdem schon zu Mittag baden gehen. Und die Frau an der Essensausgabe reagiert spitz: Lehrer müsste man sein!
Für die Leipziger Pendler liegt die Beschneidung der Stunden so ungünstig, dass wir fast eine Stunde auf den Zug warten müssen. Der Bahnhof in der kleinen Stadt am Collm wirkt gegen zwölf wie der Set zur Eingangssequenz von "Spiel mir das Lied vom Tod". Es fehlt nur noch ein vom Wüstenwind durchs Bild gerollter Steppenbusch. Nirgendwo ein Schattenplatz auf dem Bahnsteig. Die Sonne lässt einen die Mundharmonika hören. Zu Hause dann hat meine Tasche mir einen feuchten Rücken gestempelt. Die Liebste sitzt noch im Büro und ich lasse kaltes Wasser in die Wanne laufen. Bei geöffnetem Badfenster und mit dem Stieg-Larson-Krimi liege ich fast unter freiem Himmel in Freibadmanier. Mein Körper flüstert entspannt "Aha". Mein Gewissen zischt "Was bist du asozial... Während andere noch arbeiten müssen...!!" Der innere Kampf ist nur ein kurzer. Und dann klingelt es an der Tür. Und ich mache einfach nicht auf. Hämisch denke ich in mich hinein: Die Essensfrau hätte ja auch einen anderen Beruf erlernen können.

PS: Übrigens, auch bei tropischen Außentemperaturen sollte das Wannenwasser nicht ganz kalt sein. Denn im Gegensatz zu Freibad und See bewegt sich der Badende in den heimischen Gewässern nicht so, dass er nach einer Viertelstunde nicht zu frieren beginnt. Ganz blaue Lippen ...

1 Kommentar:

steffi hat gesagt…

Da ich weiß, dass die Frau an der Essenausgabe vor einer Klasse wie eine Primel eingehen würde, versuche ich, mich über solche Äußerungen nicht mehr aufzuregen - was mir allerdings nicht gelingt.

Die "Westernstimmung" auf dem Oschatzer Bahnhof kann man umgehen, wenn man über das Stadtzentrum - also die beiden Märkte - gemütlich radelt, am Renaissancebrunnen verweilt, ein italienisches Kekseis genüsslich schleckt, dabei auf die schönen Türme der St.Aegidienkirche guckt und dann geradeso zur Zugabfahrt ankommt (Klugschei...modus aus!)
:-)