Samstag, 10. April 2010

Wenn das der ... wüsste


Der KDF-Bau von Prora fasziniert immer noch manch Volksgenossen. Anders lassen sich die erstaunten "Ohh´s!" in der Reihe hinter uns nicht erklären. "Konzipiert für 20 000 Menschen...", erklärt das Einführungsvideo den "Gigasmus" des Bauplans und da ist es schon wieder. Vor einigen Jahren fand ich das auf private Initiative gestaltete NVA-Museum auch ganz interessant. Mittlerweile hat sich die Attraktion um weitere Exponate erweitert, die, im chaotischen Prinzip geordnet, das Museum selbst zum Faszinosum werden lassen. Dort, wo früher des Führers Funkerinnen ausgebildet wurden und sich später Mot-Schützen auf anderthalb Jahre am Arsch der Welt befanden, gibt es neben einem DDR-Motorrad-Raum in Symbiose mit einer Austellung einheimischer KünstlerInnen ein Zimmer mit DDR-Radios, DDR-Schreibmaschinen, eine Ecke für die Partnerstädte, eine Ausstellung der Freiwilligen Feuerwehr, Exponate zum Küstenschutz, einen Überblick zu Uniformen der DDR-Reichsbahn, ein original Wiener Kaffeehaus, eine Wand mit prämierten Schülerarbeiten Rügener Schulen, eine ganz traurige Bilder-Schau küstennaher Schlösser und Herrenhäuser, Silbermünzen zum Thema irgendwas, kettensägegesägte Skulpturen mönchsgut´scher Fischer, ein lauschiges Stübchen für Weinkenner, die fast vollständige Sammlung von Kraft-durch-Freude-Reiseprospekten, ein Zimmer des Traditionsvereins der ehemaligen Offiziershochschule, eines für die Pflege der Museumsfreundschaften, das Rügenmuseum, eine Vitrine mit Zigarrenprodukten, eine Übersicht zur Nutzung des Objekts durch die Bundeswehr, ein Tisch mit allen Museumsbesucherreinschreibbüchern der letzten 15 Jahre und und und ...


Falls es den Kleinen zu langweilig wird - es wurde sogar ein Spielzimmer eingerichtet. Das mochte ich am meisten. Geneigter Leser, achte bitte auf den thematisch klug ausgesuchte Wandschmuck.


Der Bau ist eine dreimalige Ruine. In den 30er Jahren niemals richtig fertiggestellt, nach 1990 verfallen und ohne Verwendung und heute Zeugnis zerstörter Nachwendeillusionen. Der Plan für einen Roman entsteht im Kopf, besser eine Novelle (das Gebäude als "Dingsymbol"): Wie sähe dieses Land aus, wenn nach der Wende keine Vereinigung stattgefunden hätte. Die Autohäuser mit den Glitzerwimpeln auf den grünen Wiesen würden noch existieren. Auf den Straßen rollten die abgelegten Westautos von jenseits der Grenze. Und statt Fast-Food-Filialen gäbe es genau solche Imbiss-Stände wie vor dem Haupteingang des NVA-Museums auf Rügen in Mecklenburg-Vorpommern. Und die Disko würde immer noch für sich werben, die größte der ganzen Insel zu sein.


Am Nachmittag scheint uns die Sonne wieder auf Groß Zicker. Und das ist gut so.

Keine Kommentare: