Sonntag, 3. Oktober 2010

Endlich Theater für die Schule oder "Die Räuber" im Centraltheater

Karl, der Räuber, zitierte die Salzburger Kehlmann-Rede, in der es um die Widernisse des modernen Regietheaters geht (siehe Abiturprüfung Leistungskurs 2009/2010). Das soll wohl ironisch sein. Hier die Liste der kreativsten, lustigsten, hervorstechendsten, verfremdendsten und künstlerischsten Regie-Einfälle:

Platz 11:
Ein lebendiges Pferd. Das steht für 15 Sekunden auf der Bühne und bietet Karl, der dazu aus seiner Rolle tritt, die Möglichkeit zu sagen: "Das ist ja ein echtes Pferd."

Platz 10: Karl wird ein voller Wassereimer übergekippt. Amalia und Karl stehen unter Regenduschen, um sich wiederzuerkennen.

Platz 9: Daniel, der Diener, erscheint fünfmal nacheinander und zerscheppert jedes Mal mehrere Teller.

Platz 8: Die "schwangere" Amalia raucht ungefähr sechs Zigaretten während der Vorstellung und kramt im angeschnallten Kautschuk-Bauch nach dem Feuerzeug.

Platz 7: Es werden zirka ein Dutzend Schüsse mit Pistolen und Revolvern abgegeben. Dazu eine ganze MPI-Garbe in Richtung Bühnendecke.

Platz 6: Karls Bruder Franz hackt mit einer Spitzhacke ein Loch in den Bühnenboden. Dieses nutzt er dann, um darin zu verschwinden (nur am Rande: Im Foyer haben wir mit unseren Unterschriften gegen die geplanten Kultur-Kürzungen der Stadt protestiert.)

Platz 5: Spiegelberg, Schweizer und noch ein Räuber zerschmettern Äpfel, Kohlköpfe und Wassermelonen auf der Bühne, stopfen diese spritzend in sich hinein und diskutieren Obst spuckend über Marx, Revolution und Terror.

Platz 4: Der treue Hermann wird von Franz mit einem Pressluft-Tacker auf einen massiven Holztisch genagelt und dann quasi gekreuzt aufgestellt. (Die Metallstifte fixieren zwar nur seinen Mantel. Das Publikum reagierte trotzdem recht erregt.)

Platz 3: Nach einem Büchsenbier-Gelage schiebt sich Karl den Zeigefinger in den Mund, um sein Erbrechen hervorzurufen. (Gelingt ihm aber nicht richtig!)

Platz 2: Der alte Moor, der sich in dieser Szene kurz zum Marquis de Sade wandelt, wird von Amalia angesprungen. Diese beißt ihm ins Gesicht und spuckt dann die blutende Nase aus. Es folgt ein gegenseitiges Zerfleischen in bester Splattermanier, wobei sehr viel Theaterblut schwappt.

Platz 1: Spiegelberg ist weiblich. Sie zeigt nach ungefähr 15 Minuten Spiel ihre Brüste, beginnt mit Karl ein kopulatives Gerangel, in dessen Folge dieser mit heruntergelassenen Hosen über die Bühne stolpert (Gelächter beim Publikum.) Dann greift sie diesen ins Gemächt und zieht ihn an Penis und Hodensack (!) quer über die Rampe (das Lachen geht in gequältes Stöhnen über, zumindest bei den ZuschauErn.)

Fazit:
Desorientiert verlassen wir das Theatergebäude.
Es war unterhaltsam, ja.
Schauspielern ist ein Knochenjob. Und Bühnenreinigungskraft auch.
Das Stück wäre wie gemacht für die Schüler und ihre Klassikerrezeption. Wenn dieses Abi-Thema nochmal käme.

4 Kommentare:

OE. hat gesagt…

1.Mein vorletzter Theaterbesuch 2006 in Plauen: Das gleiche Stück, doch leider völlig ohne solche genialen Regieeinfälle - also wohl ungeeignet für die Schule?!

2. Mein vorläufig letzter Besuch bei einem "Klassiker" 2007 im Wiener Burgtheater: "Romeo und Julia"! mit ähnlich genial-profunden Regiegags, wie bei Euren Räubern! Mein Bildungshunger in Richtung Burgtheater wurde dabei für alle Zeiten befriedigt!
Link: "Die Pest im Burgtheater".

steffi hat gesagt…

Oh,Gott!
Dagegen war wohl unsere Inszenierung von "Kabale und Liebe", die wir 2009 im Weimarer Nationaltheater gesehen haben, eher harmlos. Trotzdem:
Alle Darsteller in normalen "Hausklamotten" und KEIN Bühnenbild. Nichts!
Logischerweise gelangweilte, unaufmerksame und während der Vorstellung ununterbrochen sms - schreibene Schüler aus Ost und West.
Doch dann ein Hoffnungsschimmer von oben:
100 weiße von der Bühnendecke herunterschwebende wehrlose Luftballons, auf die anschließend bis zum bitteren Ende getreten und geschlagen wurde.
Warum, hat sich mir bis heute nicht erschlossen!
Wenigstens stimmte der mehr oder weniger heruntergesagte klassische Text.
Fazit: Ich hätte nach dem Stück heulen können und musste eine rauchen, was ich sonst NIE tue, um diesen Untergang der Weimarer Kultur zu verarbeiten...

Marie hat gesagt…

Nachgelesen in der Kritik zum Stück: Das mit dem Pferd soll ein Running Gag sein. War´s nicht auch schon bei MEDEA dabei? Und bei Rainald Grebe sowieso? Wir müßten öfter ins Theater gehen, um das zu überprüfen. So ein Mist!

Wikipedia hat gesagt…

"Es kann jedoch vorkommen, dass ursprünglich als Lesedrama verfasste Stücke ihren Weg ins Theater finden, so etwa Goethes ´Faust´ und Schillers ´Die Räuber´." Artikel: "Lesedrama"