Donnerstag, 7. Oktober 2010

Kurze Geschichte von einem Tag an der Mulde

Oder, Neiße, Elbe.
Was im Gestirn der großen Herausforderungen noch fehlt, ist die Mulde. Über deren ufernahe Befahrung soll nun berichtet werden. Lehn dich zurück, geneigter Leser, und höre von den Abenteuern. Genieße den reich bebilderten Bericht, ganz ohne Überblendtechnik, dafür aber mit der Handy-Kamera aufgenommen.
Mittwochmorgen. Kurz nach Sonnenaufgang bringt mich der Zubringer zur Ausgangsbasis nach Grimma. Die Radtasche schlenkert leger rechts und es erfordert all mein fahrerisches Können, um den geraden Kurs zu halten. Noch schlimmer als als "Eintaschler" unsymmetrisch unterwegs zu sein, sind zwei Taschen, in denen nichts drin ist. Denn ich habe mich nur für das Nötigste entschieden. So werde ich gezwungen sein, die Tour an nur einem Tag zu schaffen.
Ich habe die Nacht schlecht geschlafen.
Was wird mich erwarten?
Oder lag das an Lars von Triers "Antichrist"? Den habe ich mir gestern auf DVD angeguckt.

"Auf ihren Windungen bis zum Zusammenfluss streifen die Täler zahlreiche schmucke Städtchen, mächtige Burgen und idyllische Landschaftsansichten", verspricht mein Radwanderatlas. Das sind die einzigen Worte, die mich unterstützen. Denn nicht nur trete ich die Herausforderung im Alleingang an und mannhaft bergauf in Richtung Zwickau, sondern fahre die Strecke entgegengesetzt der Erklärung im Büchlein. So dienen mir die Karten allein als Orientierung. Und wenn´s gar nicht mehr geht, prüfe ich outdoor-geschult wie ein Indianer die Fließrichtung des Flusses... Und so erreiche ich problemlos die Ruine des Klosters Nimbschen. Für Kultur bleibt angesichts des sportlichen Charakters der Unternehmung wenig Zeit, doch besinne ich mich kurz der Bedeutung ... Frau Luther! Das muss reichen.

Schon bald geraten mir die versprochenen Herrenhäuser und Schlösser in das auf den Asphalt ausgerichtete Blickfeld. Obwohl Schilder auf freundliche Art einen niveauvollen Rundgang offerieren und zur Rast bei Getränk und hauseigener Küche einladen, radle ich weiter. Voran, voran, nur immer voran. Übrigens ist der Stuck hier bloß aufgemalt, wie es links im Bild deutlich wird. So dolle kann´s also mit der Prächtigkeit doch nicht her sein.

Noch ist das Land freundlich flach. Und ganz dahinten fließt die Freiberger in die Zwickauer Mulde. Oder die Zwickauer in die Freiberger? Da fällt mir ein, dass ich erst letztens gelesen habe, dass die älteren Bezeichnungen für Flüsse maskulin sind (z.B. der Rhein) und später datierte Benennungen der Gewässer meist feminin. Das hilft mir aber wenig bei der oben aufgeworfenen Frage. Wer fließt hier bei Sermuth in wen.

Schloss Colditz in Sicht. Wie es manchmal so ist, mit den Zufälligkeiten. Am Abend läuft auf ARTE eine Dokumentation über die Ausbruchsversuche der hier im Zweiten Weltkrieg internierten Kriegsgefangenen. Die interviewten Briten kommen auch mit fast neunzig noch smart herüber. Die haben wirklich Pappkameraden modelliert, die dann früh beim Appell von den Wachmannschaften mitgezählt wurden. So wurde keiner vermisst. So einfach war das damals...

In Colditz will mir ein Einheimischer unbedingt erklären, wie ich abkürzen sollte. Das kann ich mir nie merken, und so frage ich ihn wenigstens nach einem Bäcker. Er blickt auf meine Fahrradfahrerkluft und rät mir, dass ich den an der Ecke nehmen solle. "Da gibt es belegte Brötchen mit Salat. Ihr Radfahrer esst doch alle vegetarisch." Ich ziehe mir stolz die Aldi-Jacke über den eingezogenen Leib. Dann fahre ich auf den Markt und kaufe mir drei Stück Kuchen...


Auf meiner Karte sind für die Erhebungen auf der Strecke kleine Pfeile eingezeichnet. Dünne, fettere und ganz dicke Winkel. Nach Colditz folgt die ganze Pallette. Ich schnaufe, fluche und wünsche mich auf die Elbradebenen. Dieser Abschnitt wurde nicht bebildert. Dafür gibt´s dieses Foto eines Holzstegs über die Mulde. Das ist auch ästhetischer.


Rochlitz. Marktplatz. Kurz nach zwölf Uhr mittags. Da möchte ich mal am Wochenende sehen, was hier los ist.

Insidertipp: Vor der Brücke warnt ein Schild: Radfahrer absteigen! Darauf ist unbedingt zu verzichten. Denn nur wenn man drüberfährt, merkt man das Schwanken.

Richtung Wechselburg bin ich lange Zeit allein. Der letzte Entgegenkommer wurde vor ca. 30 Kilometern abgegrüßt. Wie schön, wenn man bei Göhren auf Hinweise menschlicher Existenz stößt: ein Viadukt! Und fährt einfach drunter durch.

Wechselburg. Noch ein Bäcker. Kirmeskuchen und Eierschecke. Danach bin ich satt. Am Ufer geht es auf unbefestigten Wegen durch den Wald. Links Fels, rechts Fluss, unter mir irgend etwas dazwischen. Mein Rad rumpelt und klappert über Geröll ...

... und dann bin ich plötzlich in AMERIKA. Das liegt übrigens dahinten. Zwischen den Bäumen, die aussehen wie in Kanada.

Mensch und Maschine haben sich eine Pause verdient. Das sanfte Licht entschädigt. Und endlich habe ich Zeit, die Schraube vom Schutzblech festzuziehen.

In Rochsburg verfahre ich mich, stemme den Hang hoch und stehe vor dem Burgtor. Doch Einlass ist nicht mein Begehr. Die Abfahrt macht keinen Spaß. Kopfsteinpflaster!


Penig, Wolkenburg, Niederwinkel (ganz fetter Pfeil), Waldenburg und plötzlich haben die Autos schon Z-Schilder. Und nach Glauchau bin ich schon in vaterstädtischen Gefilden. Die Uhr zeigt halb fünf, mittlerweile ist bei VW auch schon Feierabend.

Ich radle an der Ausfahrt zum Haus meiner Eltern vorbei. Mache die hundert Kilometer voll und besinne mich kurz auf dem Markt vor Schumann, Robert. Der stand übrigens früher am Schwanenteich.

Zu Hause kommt es jetzt darauf an, nach 101 Kilometer und 500 Metern recht gelassen "rüberzukommen". "Bist du jetzt kaputt?" "Ach, geht so."
Der Sohn ist mit dem Fahrrad aus Leipzig da.
Die Nachbarn sind informiert...

1 Kommentar:

OE. hat gesagt…

*seufz*:"man müßte nochmal 40 und ohne Auto sein!"