Donnerstag, 7. Februar 2008

Mittwoch in Kasachstan

Gestern war der Himmel über Astana nicht blau. Und gerade da hatten wir unseren freien Nachmittag. So fuhren wir nicht hoch auf den Bajterek (hoher Turm und Symbol der Stadt), von dem man bis in die Steppe gucken kann, sondern zum Basar. Im Gegensatz zu den allgemeinen Vorstellungen des Mitteleuropäers findet dieser nicht unter freiem Himmel statt, sondern in einem Karstadt-ähnlichen Gebäude. Innen fühlt man sich aber wieder in Asien angekommen. Verkaufsstände bieten Obst, Gemüse, Gewürze. Dahinter dick eingepackte Großmütterchen, denen aber das aus den russischen Märchen bekannte Lächeln abhanden gekommen ist. Statt dessen steht der älteste Enkel im Hintergrund und schaut noch grimmiger als seine Oma über erdverkrustete Möhren. Nein, ich dürfe nicht fotografieren. Die Liebste ist schon länger hier, ich beuge mich.
Eine Stunde später ein anderes Kaufhaus. Hier gibt es mehr Wachpersonal als Kunden. Wir schauen in die Edelboutiquen, in denen sich die Verkäuferinnen genauso langweilen wie im "Magasin" von nebenan. Und dann sehen wir sie. Zwischen den blau Uniformierten huschen scheu einzelne Exemplare vorbei. Wahrscheinlich einem dicken "Hummer-Jeep" entstiegen, den ein geldschweres Alpha-Männchen zur Shoppingmeile gelenkt hat. Sie verschwinden hinter getönten Glastüren oder setzen sich zur Tränke in das Cappuccino-Lokal. Dick bepelzte Schultern, Gold an den Handgelenken, schmale dunkel betuchte Läufe, hohe Stiefel mit noch höheren Absätzen. Klick, klack, klick, klack stöckelt das kasachische Wild über wertvolle Bodenkeramik. Freunde, das hätte euch gefallen! Das ist Astana! – genau wie das Mädchen mit den mandelförmigen Lidern, das eigentlich Kristall verkaufen soll. Momentan liegt es, den Kopf zur Seite auf ihre Armen gelegt, fast auf dem Tisch und döst mit halb geschlossenen Augen ihrem Feierabend entgegen. Auch das darf ich nicht fotografieren. Schade.
Am Abend besuche ich eine Stunde für Deutschlerner. Sich vorstellen. Kennen lernen. Welche Fragen gibt es? Ob Maria ein Album von "Fools Garden" hätte? Wer ist das denn? Dann tönt es aus der hintersten Ecke der musikalischen Erinnerung – "... nanananana ... Lemon Tree". Die älteren unter euch, geneigte Leser, erinnern sich vielleicht an dieses One-Hit-Wunder aus Deutschland. Dass diese Band überhaupt eine ganze CD mit ihren Songs bespielt haben soll, wundert mich auch. Vielleicht ist das etwas ganz Typisches. In unserer eurozentristischen Sicht vergessen wir schnell, dass es andere Geschmäcker gibt auf der Welt. "Tokio Hotel" ist total angesagt hier. Gestern dachte ich an einen Verhörer, als beim Essen plötzlich "Du hast den schönsten Arsch ..." gespielt wurde. Und an der Kongress-Halle ist in riesigen Lettern "Ace of Base" plakatiert. Das Konzert kann sich zwar kaum einer leisten. Doch für einige sind 180,00 Euro wohl nur ein Taschengeld. Unter kulturphänomenologischem Aspekt bin ich begeistert von dieserart Geschmacks-Verzögerung. Hinsichtlich der sich mir oft gestellten Frage, was machen B-Bands zwischen kurzzeitigem Hocherfolg und Baumarkt-Auftritten, fühle ich mich aufgeklärt. Interessiert an solchen Events bin ich aber nicht. Statt dessen freue ich mich auf´s Ballett am Sonntag.
PS: Wie nahe hier alles beisammen liegt, zeigt die Einladung der französischen Botschaft zum Sinfoniekonzert und Empfang für den morgigen Tag. Der französische Ministerpräsident gibt sich die Ehre. Maria muss aber arbeiten. Und ich möchte in Jeans und mit globigen Thermoschuhen nicht zur Abendveranstaltung auftreten. Das erscheint angesichts der französisch lockeren Lebensart, die ich in Marias Wohnung erleben kann, vielleicht etwas zu bedenkenvoll, doch mir reicht es für´s Ego zu sagen: Stelle dir vor, der Regierungschef Frankreichs lädt ein und du gehst nicht hin.

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