Donnerstag, abends:
Mein erster deutscher Stammtisch. Es kommen nur wenige Deutsche. Das deutsche Team Astana, Maria und ich. Dafür interessierte Deutsch-Sprecher. Erklärungsnotstand - "Was bedeutet eigentlich Stammtisch?" Das Bild in meinem Kopf zeigt alte Männer mit Bärten und in Tracht, die die Kellnerin duzen. Auf dem Holztisch das Ergebnis vieler durchwerkelter Novemberabende - der Schriftzug "Stammtisch" in geschwungenem Schmiedeeisen. Oder ich denke an den Vater meines Freundes aus Kindertagen. Jeden Samstag und Sonntag ging er flinken Schrittes zum "Frühschoppen", um gegen Mittag nach Hause zu torkeln und sich für den anschließenden "Dämmerschoppen" zu rüsten, der gegen 15 Uhr begann. Das bedeutete für die ganze Familie meist nichts Gutes. Und so überlasse ich das Erklären der Liebsten.
Mein erster deutscher Stammtisch. Es kommen nur wenige Deutsche. Das deutsche Team Astana, Maria und ich. Dafür interessierte Deutsch-Sprecher. Erklärungsnotstand - "Was bedeutet eigentlich Stammtisch?" Das Bild in meinem Kopf zeigt alte Männer mit Bärten und in Tracht, die die Kellnerin duzen. Auf dem Holztisch das Ergebnis vieler durchwerkelter Novemberabende - der Schriftzug "Stammtisch" in geschwungenem Schmiedeeisen. Oder ich denke an den Vater meines Freundes aus Kindertagen. Jeden Samstag und Sonntag ging er flinken Schrittes zum "Frühschoppen", um gegen Mittag nach Hause zu torkeln und sich für den anschließenden "Dämmerschoppen" zu rüsten, der gegen 15 Uhr begann. Das bedeutete für die ganze Familie meist nichts Gutes. Und so überlasse ich das Erklären der Liebsten.
Freitag:
Am Nachmittag haben wir frei. Wir fahren zum Bajterek, dem Turm, der den kasachischen Lebensbaum symbolisiert. Mit einem Lift werden wir in die Kuppel katapultiert, die ungefähr dem Berliner Fernsehturm gleicht. Es offenbart sich der Blick durch getönte Scheiben und wir sehen bis an die Grenzen der Stadt. Dahinter beginnt die Steppe, das Nichts. Doch so weit soll man ja nicht gucken, sondern auf höchster Ebene den in Gold eingelassenen Handabdruck des Präsidenten betrachten und berühren. Das ist wie in Hollywood oder in der katholischen Kirche, denn man kann sich etwas wünschen. Momentan bin ich wunschlos glücklich und die Hand des geliebten Staatsführers erscheint mir eher winzig. Kleine Männer und Macht, das kennt man ja.
Wir spazieren auf dem "Prospekt Bajterek". Der Lustwandel-Weg heißt zwar nicht so, könnte aber so genannt werden. Er bildet die kilometerlange Sichtachse zwischen den Gebäuden des Ölkonzerns und dem Präsidentenpalast im postbarocken neuen Teil der Stadt. Wir sind die einzigen Spaziergänger. Die Liste der ungewöhnlichen Berufe ließe sich fortführen. Ca. 50 Menschen räumen den Schnee weg, verladen ihn auf LKW, schieben ihn zur Seite. Asiatische Produktionsweise. Einige blasen mit gerucksackten Maschinen, die einen Höllenlärm verbreiten, kleine Tannenbäumchen ab. Auf den geräumten Wegstrecken ist jetzt erhöhte Vorsicht geboten. Denn auf der festgetretenen Eisdecke findet man einigermaßen Halt. Die frei geräumten Fliesen sind dagegen unberechenbar. Unser Blick geht trotzdem nach oben. An einigen Häusern wird gebaut. Im wörtlichen Sinne. An der Außenfassade des 18. Stockwerkes sind lose Bretter angebracht. Auf diesen balancieren Arbeiter, so dass das Holz sich biegt. Am Samstag werde ich bei einem Gespräch zum Bildungssystem lernen, dass 90 Prozent aller Kasachstaner studieren. Das ist für die Wirtschaft fatal, so das vernunftorientierte Fazit. Noch fataler scheint es aber, zu den 10 Prozent zu gehören, die bei minus 20 Grad ungesichert an Repräsentationsbauten hangeln.
Im Museum für kasachische Geschichte begeistert Maria die Jurte. Ich mag das Video im Foyer. In Endlosschleife können die Besucher den Präsidenten bei seinem Tagesablauf begleiten. Am Morgen Fitness-Programm, Tennis, Schwimmen, ein kleines Frühstück, nur Obst und Tee, dann das Studium der internationalen Presse, bevor die Staatsgeschäfte rufen,... Das Land ist in guten Händen.
Freitag, abends:
Wir gehen nicht zur Einweihung der französischen Botschaft. Satt dessen Kulturarbeit an der Basis. Deutschlernerkurs in einer entlegenen Schule. 19 Uhr, nach der zweiten Schicht – die kasachischen Kinder lernen in zwei Schichten – zwängen sich Erwachsene hinter die Kinderpulte. Die eigenen Schwierigkeiten beim Erklären von Wörtern werden deutlich. Warum der Unterschied zwischen STUDIEREN und LERNEN? Deutsch lernen ist etwas anderes als Deutsch studieren. Aha!
Samstag:
Rundtischgespräch zum Thema "Bildungssystem". Bildungsföderalismus in Deutschland – geneigter Leser, erläutere einem Außenstehenden die Vorteile! Schulaufbau in Kasachstan. Siehe Freitag. Am Abend gibt es Kartoffelsuppe und Wodka bei der "deutschen Community".
Sonntag:
Unser Kulturwochenende wird geprägt von körperbewussten jungen Menschen. Zuerst ein Besuch im "Moskauer Wasserzirkus". Meine Begeisterung für Zirkusse aller Art hält sich seit meinem 11. Lebensjahr in Grenzen. Doch wenn man schon man in der Sowjetunion ist...! Bunte Kostüme. Flexible Frauenkörper. Zauberer. Artisten, die auf Einrädern fahren und, nachdem sie in der Pause Leuchtstäbe an glückliche Kinder verkauft haben, als Jongleure begeistern. Clowns. Und endlich auch die Robben. Für militante Tierschützer ist das Programm nur begrenzt empfehlenswert, uns hat es gefallen. Am Nachmittag mein erster kasachischer Plattenladen. Es gibt Kinderbuecher, Videospiele, Schreibwaren... Ich kaufe mein Mitbringsel, eine Scheibe von LENINGRAD. Die kommen zwar aus Russland, doch das Geschäft ist ja auch nicht ganz echt.
Am Abend geht es dann ins Ballett. Wenig klassisch, mehr Sommerkleid statt Tütü. Wir haben den Eindruck, dass sich junge Absolvente der staatlichen Schule die Ehre geben, aber dieser Eindruck ist uns angenehm.
PS:
Kulturpessimismus dann beim Betreten der Küche zu Hause. Der Franzose - mittlerweile pauschalisieren wir - schafft es tatsächlich, die von deutscher Hand gescheuerten Töpfe allesamt zu benutzen und provokant ungereinigt auf der Arbeitsfläche zu verteilen. Nein, Mageli, wir Deutschen sind nicht für die nouvelle cuisine geschaffen! Jenseits des Rheins ist man höchstens fähig, Wasser zu kochen! Doch bleibt uns das schon Tage verwehrt, seit Marias gallische Mitbewohner im Wasserkessel Milch gebrüht haben.
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