Donnerstag, 19. November 2009

S.O.L. vs Schwarze Pädagogik

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich die Sache nicht schon vor fünfzehn Jahren auf der pädagogischen Landkarte von Didaktikpapst Hilbert Meyer* ausmachen konnte. Doch der letzte Schrei in Sachen besserer Unterricht heißt SOL. Das steht für Selbst Organisiertes Lernen. Oder wie der zur Selbstironie neigende Pädagoge witzelt: Schule ohne Lehrer. Haha!
Das bedeutet, dass die Kinder ganz viel selber machen. Der Lehrende sich dagegen als Moderierender zurücknimmt. Diesem fällt das oft nicht leicht (was sich aus seinem Selbsterhaltungstrieb durchaus erklären lässt). Und auch die Schüler haben ihre Probleme mit der eigenen Selbstorganisation. Nämlich dann, wenn sie ihrer ihnen zugedachten Rolle nicht nachkommen. Das habe ich heute selbst erlebt.
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges in Quellen. Gruppenarbeit. Der „Experte“ für „Folgen des Krieges in den Städten“ ist nach 30 Minuten Selbstständigkeit immer noch nicht in der Lage, seinem Lernteam fachlich fundierte Auskunft zu geben. Das nimmt er sich so richtig aber nicht zu Herzen. Und die dösenden Mädels seiner Gruppe stört das auch nicht wirklich. Sie sind an den Grausamkeiten dieser fernen Zeiten nur mäßig interessiert. Er schaut mich, den Moderator, mit großen unschuldigen Augen an. Achtung! Sekunde der pädagogischen Bewährung! Ich sage mahnend: Du bist verantwortlich. Dann so, dass es alle hören können: Auch wenn ich seit zwei Jahren weiß, dass Geschichte dein „Hassfach“ ist. Er guckt! Ich: Das habe ich bei Schüler.CC gelesen. Die Mädchen werden plötzlich hellwach. Schauen sich an. Tuscheln ungläubig, später entsetzt. Dann bleich: Sie sind im Schüler.CC??! Ich: Ab und zu! Und da wären wir bei den Problemen des Web 2.0. Ihr müsst wirklich immer genau überlegen, was ihr im Internet über euch preisgebt …
Ein leichter Schock geht durch die Reihen. Einer fragt im Ernst, ob ich es schlimm finde, dass er Französisch und Deutsch „hasst“? Die anderen sind ehrlich bestürzt. Nur nicht über das Vorgehen der kaiserlichen Söldner oder gar den „Schwedentrunk“.

Fazit nach der heutigen Stunde:
Wir haben nicht alle etwas über den großen Krieg gelernt.
Wohl aber wird der eine oder andere heute noch an seinem virtuellen Profil werkeln.
Und ich bin zur Erkenntnis gelangt, überhaupt nicht wissen zu wollen, was die kleinen Menschen so alles im Internet schreiben.

* auch der Didaktikgott, Verfasser zahlreicher handhabbarer Werke früher in Cornelsengrün und heute in -blau; einigen der geneigten Leser sicher noch persönlich in Erinnerung; in unmittelbarer Nachwendezeit von den Ausbildern der PH eingeladen und als - Uha! Ehrfurcht!- Professor aus den alten Bundesländern angekündigt, kam er in Schlabber-T-Shirt und auf Birkenstock daher und baute mit uns das erste Standbild unseres Lebens

1 Kommentar:

marie hat gesagt…

Kindheitstrauma: Der Geschichtslehrer erzählt vom 30-J-K, von der verbreiteten Foltermethode, die Fußsohlen des Gefangenen in Salz zu tunken und von einer Ziege abschlecken zu lassen, bis er sich im wahrsten Sinne des Wortes tot gelacht hat. Seitdem beim Anblick einer Ziege und bei jedem Lachanfall Angst, daran sterben zu können. Du mußt wirklich überlegen, was Du im Unterricht preisgibst!